Jubilate, 08.05.2022, Christuskirche

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Heute hören wir einen klassischen Bibeltext, den Schöpfungsbericht. „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31). Aber man stellt doch leicht fest: Es ist eben nicht alles „sehr gut“! Hören wir zuerst auf Gottes Wort:

„26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. 29 Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. 30 Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. 31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag. 1 So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. 2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. 4 Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden.“ (Gen 1,26–2,4)

Gott hat alles auf wunderbare Weise geschaffen und alles an seinen Platz gestellt. Wie wir in dieser Geschichte lesen, hat er aus dem Tohuwabohu, aus dem Urchaos, mit seinem Wort Ordnung geschaffen. Er trennte die Nacht vom Tag, das Land von den Wassern, schuf Pflanzen und Tiere, eine Schöpfung in sechs Tagen – so wie sich der Mensch der damaligen Zeit die Entstehung der Welt vorstellte. Am sechsten Tag schuf Gott den Menschen. Warum ist dies der letzte Akt der Schöpfung? Warum ist der Mensch der letzte, schmückende und vollendende Akt? Der biblische Autor schreibt, dass Gott den Menschen nach seinem Bild und in Gleichheit zu ihm geschaffen hat. Wenn wir einem anderen Menschen in die Augen schauen, wenn wir sein Gesicht betrachten, dann ist uns trotz mancher Unterschiede eines klar: Wir haben alle etwas gemeinsam. Es gibt etwas in uns, das uns miteinander verbindet. Mit anderen Worten: Es gibt etwas Menschliches in uns. Und diese Ähnlichkeit kommt vom Schöpfer. In der anderen Person können wir unbewusst die Göttlichkeit entdecken: unsere eigene und die der anderen Person. Der Mensch ist wie Gott und ist sein Ebenbild, das heißt, wir können ihn erkennen, wir haben eine unaussprechliche Anziehungskraft zueinander, wie Blaise Pascal sagt: ein gottförmiges Vakuum, eine Leere, die gefüllt werden soll.

Der Mensch ist von Gott geschaffen worden, um ein Geschöpf nach Gottes Bilde zu sein, ein Geschöpf, das Gott wesensverwandt ist und mit dem er in einer Art von Gemeinschaft leben kann – wenn auch im Vergleich zu Gottes Unendlichkeit nur in winzigem Ausmaß. Das heißt, der Mensch ist für die Gemeinschaft geschaffen: für die Gemeinschaft mit Gott und mit unseren Mitmenschen. Wie der Kirchenvater Augustin es ausdrückt: „Du hast uns vor deinen Augen geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es bei dir Ruhe findet.“ Alles, was Gott geschaffen hat, ist sehr gut.

Wir kennen die weitere Geschichte, haben sie schon des Öfteren gehört, Bilder gesehen; und wenn man an den Garten Eden denkt, denkt man wohl unweigerlich auch an zwei nackte Gestalten, einen Apfel und eine Schlange.

Der Herr legt diesen Garten an und lässt die beiden Menschen, die er geschaffen hat, dort leben; in einträchtiger Harmonie. Alles gibt er ihnen, nichts steht diesen beiden Wesen im Weg. Aber: der Baum des Lebens, dessen Früchte unsterblich machen, und der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, dessen Früchte Einsicht in Gut und Böse schenken, sind Tabu.

Nun hat Gott dem Menschen nicht nur die Gabe des freien Willens geschenkt, wodurch er sich von den vielen anderen Lebewesen in diesem Garten unterscheidet, sondern auch – oder gerade dadurch? – die Gabe der Neugier, die die beiden ersten Menschen letztlich doch vom verbotenen Baum der Erkenntnis essen lässt, woraufhin sie erschrocken erkennen, dass sie unbekleidet sind. Die Erkenntnis bringt Scham – einen Umstand, den wir immer wieder bemerken, wenn wir in ein Fettnäpfchen getreten sind und peinlich berührt erröten, während andere Leute unbeirrt weitermachen, weil sie ihre Schuld nicht erkannt haben.

Die Sünde hat Einzug gehalten: Der Mensch und die Menschin tun nun nicht nur einfach mehr, sie handeln, sie agieren. Sie haben die Fähigkeit ihr Handeln abzuwägen und sich für Richtig und für Falsch zu entscheiden. Das müssen sie allerdings außerhalb des göttlichen Gartens und sind im Angesicht der weiten Welt auf sich gestellt. Der Brudermord unter den Söhnen Adams und Evas und die weitere Geschichte bis zur Sintflut verdeutlicht, dass sich der Mensch immer entscheiden kann, aber sich nicht immer für das Gute entscheiden will. Gott schreitet ein, räumt auf, versucht es noch einmal. Unter dem Zeichen des Regenbogens sind die Menschen frei zu tun und zu lassen, was sie für richtig halten. Sie entscheiden sich, sie triumphieren, sie scheitern.

Gott gibt den Menschen Gebote, an die sie sich halten sollen. Sünde wird lokalisiert: Sie lauert überall dort, wo Menschen den Gesetzen JHWHs den Rücken zukehren. Das Gottesvolk steht stets im Zwiespalt zwischen Gottgefälligkeit und Gottverlassenheit. Aus der Mitte dieses Volkes, das im Dunkeln wandelt (Jes 9,1), ruft der Prophet Esra gar aus: „Ach, Adam, was hast du getan! Als du sündigtest, kam dein Fall nicht nur auf dich, sondern auf uns, deine Nachkommen!“ (4. Esra 7,118)

Gott aber verlässt die Menschen nicht, er sendet ihnen einen neuen Adam, der die Schuld des alten tilgen soll, der die Menschen zur Erkenntnis Gottes und seiner Gebote, zur Umkehr, zum Neuanfang auffordert. An Ostern erinnern und feiern wir das Opfer Gottes, der uns jegliche Mutprobe und Verrenkung erspart, uns doch irgendwie den Weg zurück ins Paradies zu erschleichen, indem er sich selbst hingibt, stirbt und unsere Sünden mit sich nimmt, und ohne sie aus dem Totenreich zurückkehrt. In der Taufe streckt der Herr versöhnlich seine Hand aus und gibt uns Menschen die Gelegenheit, die Schuldenlast der urzeitlichen Neugier abzuwaschen, als neue Menschen in Christo unseren rechten Weg aufzunehmen.

Haben wir es damit geschafft? Nein. Wer schon einmal Baumharz an den Händen hatte, weiß, wie schwer es ist, alles davon mit einmal Händewaschen abzuspülen. Und so sind auch wir durch die Taufe reingewaschen, aber nicht so rein, dass nicht doch noch etwas von der klebrigen Sünde zurückbliebe.

Die Ursünde ruft nach Christus, der sich für uns am Kreuz offenbart. Sein Tod ist der Tod des Todes. Und wie der Hauptmann vor dem Kreuz können auch wir für uns bekennen: „Siehe, es war sehr gut!“

Aber was heißt das nun konkret für uns, für unser Leben?

Das ist eine sehr berechtigte Frage, denn alles scheint seinen alten Weg zu gehen. Die Menschen, die menschliche Geschichte, ist die gleiche vor und nach Christus. Auf die Frage nach den konkreten Folgen gibt es drei Antworten. Die eine ist das, was wir gelernt haben, als eine Art vorgefertigte Antwort: es sind die hilfreichen Merkverse zur Konfirmation, ethische Grundregeln wie „Was du nicht willst, was man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu”. Die zweite Antwort ist die von Nietzsche und seinem Atheismus: Natürlich geht alles so weiter, denn Gott ist tot oder gar nicht existent. Aber ist das wirklich alles, was es zu sagen gäbe?

Das Kreuz und die Auferstehung Christi bedeuten Erlösung, neues Leben. Aber wo ist denn nun das neue Leben? Offenbar ist alles doch so, wie es vorher war.

Vielleicht erwarten viele von uns, wie die Zeloten zur Zeit Jesu, sofortige und radikale Veränderungen. Es handelt sich um einen revolutionären Wandel, bei dem wir strukturelle, politische und kulturelle Veränderungen sofort sehen müssen. Wenn wir eine solche Veränderung erwarten, missverstehen wir das Kreuz Christi. Dann sind wir wie die Jünger, die erwarteten, dass Christus die Römer aus Israel vertreiben und sich selbst auf den Thron Davids setzen würde. Stattdessen hat Christus gelehrt, geheilt (Lukas 4,18) und sich für die Welt hingegeben. Er suchte keine neuen politischen Strukturen, er wollte nicht für sich den Thron Davids, sondern er suchte den Weg zu unseren Herzen.

Gottes erlösende Kraft ist für uns vielleicht nicht so spektakulär. Uns zeigt sich Gottes Neuschöpfung nicht in der großen Erscheinung des Herrn am Ende der Zeiten, umgeben von einem Heer von Engeln am Himmel. Die wiederherstellende Kraft Christi zeigt sich zuerst in uns, in der Person des Heiligen Geistes: in unserem Leben, in unseren Gedanken, in unseren Beziehungen. Der Weg Christi ist keine Revolution der weltlichen Strukturen, sondern die Revolution des Herzens. Vielleicht unmerklich, aber dafür umso realer: Es ist eine Revolution, die sich langsam wie ein plätschernder Bach durch uns hindurcharbeitet. Sie beginnt mit der inneren Überzeugung des Einzelnen, wie der Ruf an die Jünger erging: „Folge mir nach!“ (Mk 2,14 par.) Oder die Überzeugung der Zweifler, wie bei Thomas. Unsere Frage ist die Frage des Nikodemus: „Wie kann denn ein Mensch wiedergeboren werden?“ (Johannes 3,4) „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ (Johannes 3,8)

Bei der Neuschöpfung geht es nicht um eine äußerliche Wiedergeburt, sondern um ein inneres Neuerstehen. Auf diese Weise können wir langsam Veränderungen in unserem eigenen Leben erfahren, vor allem in unseren Beziehungen: in unserer Beziehung zu anderen Menschen und in unserer Beziehung zu Gott. Und deswegen hat Gott gesehen, dass das, was er geschaffen hat, sehr gut ist.

Jubilate! Freut euch. Wir dürfen uns freuen! Freuen darüber, dass wir auch dieses Jahr das Fest des österlichen Wunders neu begehen dürfen, die Revolution unseres Herzens entfachen können. In dieser Zeit – der Fastenzeit vor und der Osterzeit nach dem Fest – sind wir eingeladen, uns selbst zu hinterfragen, unsere Fehler zu reflektieren und Last abzuladen, Trost zu finden, neue Kraft zu finden. Wir dürfen uns auf das konzentrieren, worauf es in unserem je eigenen Leben wirklich ankommt.

Mit dem Wunder der ersten Schöpfung kam der Auftrag zu herrschen über alles, was in Himmel und Erde lebt und gedeiht. Wir sind aufgefordert diese Welt zu verwalten, zu nutzen und zu schützen. Weil wir um Gut und Böse wissen, stehen wir in der Verantwortung, auf Mitmenschen und Umwelt Rücksicht zu nehmen. Die zu unterstützen, die sich selbst helfen können, und die zu schützen, die es nicht können.

Mit der Auferstehung Jesu Christi feiern wir eine Neuschöpfung; wir sind neu geschaffen. Wir Menschen haben das Geschenk des freien Willens, der schieren Unerschöpflichkeit unserer Fantasie. Dieses Privileg birgt die Gefahr der Überschätzung, des Missbrauchs, der Erschöpfung. In der Nachfolge Christi sind wir dazu aufgerufen, dieser Gefahr zu trotzen, „auf dem Boden“ zu bleiben, Friede zu halten.

Lasst uns mit verwandelten Herzen, revolutionierten, renovierten Herzen in diese Welt hinaustreten, einander achten und uns Sorgen um die, die uns am nächsten sind. Das Osterfest ist nicht zuletzt ein Fest der Liebe, „denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16)

Christus ist erstanden. Der neue Adam ist neuer Baum des Lebens, der in der Mitte der neuen Schöpfung Gottes steht. Jubilate!

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Jubilate – Studierende Centro Melantone