Apostelgeschichte 17

Paulus stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt.

Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott.

Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.

Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.

Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.

Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.

Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen,

die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern,

durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.

Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen;

nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun.

Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat,

und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. So ging Paulus weg aus ihrer Mitte.

Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

 

Liebe Gemeinde!

Wir sind heute in guter Gesellschaft. Ich meine nicht unsere Gemeinde oder uns selbst, sondern unsere Stadt.

Rom gilt als die „Ewige Stadt“, Jerusalem als die „Heilige Stadt“, und Athen nennt man die „Glänzende Stadt“ (Pindar, 522-445 v.Chr.).

Es mag uns schmeicheln, dass wir selbst in einer dieser Kulturmetropolen der Weltgeschichte leben.

Es mag uns schmeicheln, dass wir heute von Rom aus über Athen nachdenken, über die Stadt, die als Wiege der Philosophie und der Demokratie gilt.

Wir mögen uns erinnern an die „Konkurrenz“ zwischen Athen und Rom auf kulturellem Gebiet und die Polemik des älteren Cato über das allzu liberale Griechische.

 

Aber um all das soll es heute nun nicht gehen, sondern darum, wie Paulus, der große Apostel und Zeuge Jesu, in dieser Kulturmetropole Athen aufgetreten ist – lange bevor er am Ende seiner Fahrten hier in Rom angelangt ist.

Wir haben in Rom sein Grab. Aber die Athener haben immerhin eine eigene Rede. Ihr Wortlaut ist heute dort auf dem Areopag auf einer Bronzetafel angebracht.

 

Wie spricht Paulus in Athen? Wie verhält er sich in dieser selbstbewussten Stadt? Wie reagiert er auf das reiche philosophische Erbe vor Ort?

 

Ich freue mich, dass wir gerade heute am Tag der Gemeindeversammlung diesen Bibelabschnitt hören. Und ich erlaube mir, schon jetzt und hier auf der Kanzel über die Ausrichtung unserer Gemeinde nachzudenken – angesichts der Rede, die Paulus damals auf dem Areopag gehalten hat.

Diese Rede an die „Glänzende Stadt“ mag uns nicht nur als Bewohner der „Ewigen Stadt“ schmeicheln, sondern sie hat auch das Potential, heute im 21. Jahrhundert und angesichts unserer Herausforderungen Orientierung zu geben.

 

I

Paulus knüpft an, an dem was da ist.

Obwohl sich einem jüdisch sozialisierten Theologen wie Paulus der Magen herumdreht, wenn er die ganze Fülle und Breite heidnisch-polytheistischer Götterbilder in Athen sieht (wie übrigens auch nichtjüdischen kritischen Denkern jener Zeit), so setzt er nicht mit einer Hass-Rede an, sondern knüpft positiv an. Das ist bemerkenswert!

Unter den vielen Götterdarstellungen Athens sucht er den „unbekannten Gott“ heraus. Damit haben die Athener damals in ihrer Furcht, bei der Vielzahl ihrer verehrten Götter, einen zu vergessen, sichergestellt, dass auch solch ein unbekannter Gott, ihnen gewogen bleibt: Eine naive Vorstellung, ganz sicher auch für den gebildeten Paulus; aber er knüpft daran an.

Dieser „unbekannte Gott“, von dem ihr eine Ahnung habt, ist der Schöpfer der ganzen Welt.

Dort, wo ihr selber merkt, dass euer Leben und eure Weltanschauung nicht aufgeht, da habe ich euch etwas anzubieten.

Das ist ein gewagter Ansatz. Aber Paulus wählt ihn hier.

Wo euer auch noch so modernes, technisiertes, optimiertes, wissenschaftlich durchdachtes Leben nicht aufgeht, da habe ich euch etwas zu bieten.

An den Grenzen des Lebens, im Vakuum der Sicherheit, in der Überforderung durch Fragen, am Ende der Kräfte: Da steht ein bis dahin „unbekannter Gott“. Und es ist nicht das Schlechteste, sich dann an ihn zu wenden und ihn zu kennen.

 

Aber Paulus knüpft nicht nur an den naiven Götterglauben der Antike an. Die aufgeklärten Philosophen und Denker damals haben sich längst auch über die archaischen Göttergestalten- und Geschichten der Mythologie erhoben. Auch sie gingen nicht davon aus, dass die Gottheit in menschengemachten Statuen und Tempeln wohnte.

Auch die großen Philosophenschulen Athens haben die Vorstellung eines einzigen Gottes, Lenkers, Weltgeistes entwickelt.

Und auch daran schließt sich Paulus an.

„Fürwahr, dieser eine Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns.

Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.“

Wir gehen heute davon aus, dass Paulus hier den stoischen Gelehrten Aratos von Soloi (310 -245 v.Chr.) zitiert, der sagte: „Wir Menschen sind von göttlichem Geschlecht.“

Ebenfalls ein gewagter Gedanke; denn aus Sicht der Bibel sind wir alle durchaus keine kleinen Götter (auch wenn sich einzelne Menschen immer wieder so aufführen). Aber für Paulus soll das heißen: Wir sind göttlichen Ursprungs. Dass es den Menschen gibt, geht zurück auf seine Erschaffung durch Gott. Es gibt kein Verwandtschaftsverhältnis der Gleichheit, aber ein Verwandtschaftsverhältnis der Beziehung: Dieser kleine Mensch bleibt abhängig von und zugeordnet auf den einen Gott, der ihn gemacht hat; so wie der Säugling an der Mutter hängt.

Dieser eine Gott hat bis heute göttliches Interesse an uns.

Und wir können es gar nicht oft genug in den vielen ethischen Diskussionen der Welt sagen: Dieses göttliche Interesse an uns ist die Basis für die Menschenwürde. Denn dieses göttliche Interesse kommt jedem Geschöpf zu, egal ob leistungsfähig, denkfähig, kommunikationsfähig oder dement, geistig behindert oder noch im Mutterleib.

Wir Menschen – auch der Krüppel am Straßenrand! – sind göttlichen Geschlechts! Wir haben eine Würde, einen Adel, einen Wert, der nicht diskutabel ist; nicht weil wir sie durch unsere tollen Leistungen und Inszenierungen aufgebaut haben, sondern weil sie von Gott herkommt und dem Zugriff der Menschen damit eigentlich entzogen.

 

II

Nach diesen philosophischen Höhenflügen möchte ich wieder ganz konkret werden und zurückkehren zum Ort des Geschehens, zu diesem Areopag, auf dem Paulus spricht. Wo ist das eigentlich? Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal in Athen waren.

Sie haben aber alle von Athen eine bildliche Vorstellung:

Da erhebt sich über dem Stadtzentrum bis heute die Akropolis mit den Ruinen des Parthenon-Tempels. Ungefähr auf halber Höhe dieser Erhebung befindet sich eine felsige Fläche, auf der sich vor alter Zeit die Athener zu Gerichtsverhandlungen trafen. Das ist der Areopag. Zur Zeit des Paulus war das ein Diskussionsplatz der Gelehrten.

 

Was ich aber heute herausstellen will, ist nicht die historische Bedeutung dieses Platzes, sondern seine Topographie, seine simple Beschaffenheit.

Und ich beziehe mich hier auf meinen eigenen Besuch dort im Sommer 2017.

Während oben auf der Akropolis die Sonne unbarmherzig auf die nackten Steine und Ruinen prallt, während oben Touristen und Führer angestrengt versuchen, dem Reichtum der griechischen Kultur nahezukommen,

da ist dieser Areopag beim Abstieg auf nordwestlicher Seite eine grüne, schattige Idylle.

Hier stehen Bäume und Büsche, die wohltuend Schatten spenden, hier gilt der Blick nicht angestrengt den Leistungen menschlicher Architektur, sondern hier schweift der Blick in die Ferne bei wunderbarer Aussicht – nicht nur über die Großstadt Athen, sondern in Gottes wunderbare Natur, das Meer in der Ferne und die grünen Erhebungen.

Dass Paulus hier auf Gott als den Schöpfer zu sprechen kommt, konnte ich unmittelbar nachvollziehen. Denn beim Areopag handelt es sich um einen dieser wunderbaren Aussichtpunkte, an denen man aus dem Staunen über Gottes Schöpfung gar nicht herauskommt.

 

Ich gebe es zu: Mich hat damals in Athen der Areopag mehr beeindruckt als die Akropolis. Mein ganz subjektiver Eindruck, sicher:  Oben die stechende Sonne, hier der Schatten, oben die Touristenmassen, hier die Ruhe, oben der angestrengte Blick auf die menschliche Kultur, hier das Schweifen des Blicks in die Weite und Schönheit der Natur.

Ein sehr subjektiver Zugang, gewiss – aber ich möchte den Areopag, auf dem Paulus sprach, doch zum Symbol dafür nehmen, dass für uns als Kirche und Gemeinde der Blick nicht fixiert sein darf auf die Errungenschaften der Vergangenheit oder auf uns selbst, sondern dass er in die Weite gehen muss, in die Natur, in die Zukunft, in der wir Gottes wunderbare Schöpferhand suchen und finden und seine Werke auch schützen können.

 

Das alles ist kein romantisierendes Schwärmen, sondern das können wir heute bei Paulus sehen, der anknüpft an der Kultur und an der Wahrnehmung der Natur, wenn er die Wahrheit des biblischen Glaubens vertritt.

 

 

III

Und zu diesem Glauben gehört für Paulus auch der dritte Punkt, den Paulus auf dem wunderbaren Areopag anbringt: Er spricht von Jesus als dem Auferstandenen.

Auch, wenn es damit „eng“ wird und die Zustimmung schwindet.

Wer allgemein redet, findet in der Regel viel Zustimmung.

Wer aber konkret wird, dem springen die Massen ab.

Das sehen wir jetzt auch sehr schön an dieser Rede des Paulus.

Als er auf Jesus Christus zu sprechen kommt und gar noch auf seine Auferstehung von den Toten, da wenden sich die klugen Athener ab.

Das ist alles zu konkret, zu dinglich, zu individuell gedacht.

Gott ist eine ferne und unsichtbare Macht.

Wieso sollte der sich mit einem bestimmten Menschen aus Nazareth derart identifizieren, dass daraus eine Auferstehung der Toten resultiert?

Hätte Paulus dieses persönliche Schicksal Jesu nicht besser weglassen sollen? Dann hätten ihm die Athener vielleicht länger zugehört.

 

Wenn man über die Gottheit, die Natur, die Seelen an sich gesprochen hätte.

Dann würden vielleicht heute auch mehr Menschen zuhören, wenn man über das Leben an sich, die Weltreligionen und menschliche Werte spricht.

Aber Paulus kann das nicht verschweigen.

Hier in Athen lässt er das erkennen, was er so steil im Römerbrief sagt:

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht, alle die daran glauben.“ (Röm 1,16)

Paulus kann das nicht verschweigen. Und wir können es auch nicht.

Wenn Gott so konkret geworden worden ist in seiner Zuwendung zur Welt, in der Geburt, im Wirken, im Sterben und Auferstehen Jesu, dann können wir das nicht wieder großzügig abstrahieren.

Liebe und Zuwendung sind immer konkret. Man kann darüber philosophieren, aber das reicht nicht! Liebe und Zuwendung müssen uns treffen! Davon leben wir.

Wie gut, dass unser Gott so konkret wurde, dass Jesus sich in der Tat den Menschen ganz persönlich zuwandte, nicht nur groß in der Bergpredigt, sondern auch dem Einzelnen in seiner seelischen Not.

Verwässern wir das nicht!

 

Bei allem Staunen über die Leistungen der menschlichen Kultur, bei allem Staunen über die Schönheit und Vielfalt Natur vergisst Paulus nicht, ganz konkret über Jesus Christus zu reden.

Das ist nämlich keine Ergänzung, kein christlicher Angang, kein weiteres Thema zu dem bisher Gesagten; das ist die Konkretisierung des bisher Gesagten:

In Jesus Christus zeigt sich die Erfüllung alles menschlichen Sehnens und Philosophierens. Hier zeigt sich der Gott, den alle Menschen bewusst oder unbewusst erdenken und suchen.

Und in Jesus Christus zeigt sich der Schöpfer, der alles geschaffen hat, nicht fern seiner Geschöpfe, von oben herab, sondern mitten drin.

Hier stirbt er mitten in den Abgründen, zu denen eine verdorbene Natur fähig ist.

Hier ersteht er wieder auf.

Und es ist kein Zufall, dass das Grab Jesu in einem Garten lag.

Einem Garten, in dem wir die Schönheit und die Würde der ursprünglichen Natur noch erspüren, einem Garten, der an die einstige ideale Natur erinnert, an das Paradies, an jenen Garten Eden.

 

Liebe Geschwister,

zu diesem Blick sind wir als Einzelne eingeladen, zu diesem Blick sind wir aber auch als Gemeinde beauftragt:

Realistisch und wertschätzend an den Gegebenheiten unserer Umwelt anknüpfen.

Offen und optimistisch in die Schöpfung blicken.

Und klar und konkret Jesus Christus in unserem Rücken wissen.

Denn er ist der Grund für unseren Optimismus.

 

Das konnten wir heute von Paulus auf dem Areopag lernen.

 

Führt das zum statistischen Erfolg?

Paulus erreicht am Ende nur wenige Menschen, die Mehrheit geht weg.

Aber die, die dazukommen, die bleiben nachhaltig dabei. Damaris und Dionysius: Ihre Namen sind der Leserschaft der Apostelgeschichte offenbar noch lange bekannt.

Wir hätten ja gerne den vollen sichtbaren Erfolg.

Wir wären – auch als lutherische Gemeinde in unserer Zeit – gerne ganz oben.

 

Aber Paulus sprach auf dem Areopag, auf halber Höhe.

 

Seine Sendung führte ihn nicht ganz hoch auf die Akropolis.

Und seine Sendung versetzt auch uns nicht automatisch ganz nach oben.

Auch als Gemeinde schweben wir nicht im Olymp,

wir sitzen nicht einmal (mehr) auf dem Kapitol,

aber wir haben die Weite von Gottes Zukunft vor Augen

und den Schatten seines Schutzes im Rücken.

 

Wir sollen ja – als einzelne Menschen wie als Gemeinde – auch nicht ganz oben ankommen, sondern bei ihm. Amen.

Jubilate – Pfarrer Dr. Jonas