Hebr. 13,7-9a

Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach. Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit. Lasset euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde.

 

Liebe Gemeinde,

hundert Jahre, hundertzehn Jahre – welch lange Zeitspanne ist das für einen Menschen! Vier Generationen. Erlebte geschichtliche Veränderung und Wechsel der Erfahrungswelten. Und welche Wechsel im Lauf des vergangenen Jahrhunderts! Der Erste Weltkrieg des noch kaiserlichen Deutschlands und königlichen Italiens mit den folgenden tiefen Umbrüchen, in Deutschland dann die Weimarer Republik und die Machtergreifung der Nationalsozialisten, in Italien die Herrschaft des Faschismus, der teils gemeinsam, teils gegeneinander geführte Zweite Weltkrieg, seither eine lange Friedenszeit, die Italien als geeinte Republik, Deutschland zunächst in zwei Staaten, schließlich als eine Bundesrepublik erlebte und in der beide Länder freundschaftlich verbundene Glieder der Europäischen Union wurden. Das alles hat seine Resonanz in dieser Kirche gehabt. Die Resonanz einer langen, wechselvollen, ereignisreichen Zeit.

 

Hundert Jahre, hundertzehn Jahre – welch kurze Zeitspanne ist das in dieser Stadt! Einer Stadt, in der auf Schritt und Tritt Kirchen und kirchliche Spuren zu finden sind, die weit ins erste Jahrtausend zurückreichen, ja monumentale Reste auch aus vorchristlicher Zeit und Kultur. Einer Stadt, über die römische und römisch-deutsche Kaiser regierten, Adelsfamilien und Päpste herrschten. Und in der mit dem Papsttum eine der ältesten Institutionen der Christenheit ihren Sitz hat. 3000 Jahre Stadtgeschichte, fast 2000 Jahre Kirchengeschichte – verglichen damit ist die Lebenszeit dieses Kirchengebäudes ein kurzer Flügelschlag.

Doch es gibt sie, die evangelische Christuskirche zu Rom. Es gibt sie, weil es hier eine lutherische Gemeinde gibt. 1817, zur dritten Jahrhundertfeier der Reformation erstmals zusammengetreten, dann im Schutz der preußischen, später deutschen Botschaft auf dem Kapitol versammelt und schließlich, seit hundert Jahren, im eigenen, in diesem Kirchengebäude. Die Gemeinde entstand, weil eine Gruppe von Deutschen ihren evangelischen Glauben auch in dieser Stadt, wo er verboten war, leben und evangelischen Gottesdienst feiern wollte. Als nach dem Ende der päpstlichen Herrschaft der italienische Nationalstaat das Verbot aufhob, kam noch ein Motiv hinzu: das Motiv der Selbstdarstellung. Die protestantischen Kirchen, die bislang höchstens im Untergrund oder unter dem Schutz fremder Mächte hatten existieren können, wollten sich nun zeigen, gerade auch gegenüber der gewaltigen römisch-katholischen Präsenz. So setzte die Waldenserkirche an der Piazza Cavour einen unübersehbaren Akzent. Und so planten nun auch die deutschen Protestanten einen repräsentativen Bau.

 

Kein Wunder, daß sich Kaiser Wilhelm II. der Sache annahm. Er war nicht der erste Kirchenbauer seiner Dynastie. Die Herrscher aus dem Haus Hohenzollern hatten seit Generationen Kirchen errichtet, als oberste Bischöfe ihrer Landeskirche vor allem evangelische, dann und wann aber auch katholische und sogar orthodoxe Kirchengebäude für ihre Untertanen anderer Konfession – was es übrigens umgekehrt, in Spanien, Italien, Österreich, Rußland, nicht gab. Bei Kaiser Wilhelm II. verband sich mit dem Interesse an der eigenen, evangelischen Konfession der Antrieb der kirchlichen Selbstdarstellung besonders markant und zeigte sich an mehreren spektakulären Kirchenbauten: So ließ der Kaiser in Wittenberg die durch Thesentür und Luthergrab hervorgehobene Schloßkirche sanieren und grundlegend umgestalten, in seiner Hauptstadt betrieb er den Bau von Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche und Berliner Dom, in Jerusalem den Bau der Erlöserkirche – und hier in Rom plante er eben die Christuskirche. Er bestimmte die Architekten, nahm Einfluß auf Baugeschehen und Ausstattung, ja, theologisches Programm, und in Wittenberg, Berlin und Jerusalem fand er sich persönlich zur Kirchweih ein. Er hätte das gewiß auch hier in Rom getan; doch bekanntlich kam, nicht ohne sein Zutun, der Erste Weltkrieg dazwischen, und danach war Wilhelm kein Kaiser mehr.

 

100 Jahre Christuskirche, 3000 Jahre Rom – liebe Gemeinde, wie flüchtig ist beides im Horizont unseres Predigttextes: Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit! Der Satz ist hier in der Apsis eingelegt und mit dem alten, quer durch die Christenheit verbreiteten Bild des Pantokrators verbunden: Christus als Herrscher über die Welt auf dem Regenbogen thronend und als Herrscher über die Geschichte auf die offene Bibel weisend, wo er von sich sagt: Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende – derselbe in Ewigkeit.

 

Was ist Ewigkeit? Das ist keine zeitliche Größe, keine unendliche Addition von Minuten und Stunden. Ewigkeit ist zeitloses Leben, Gottes zeitloses Leben, aus dem doch alles Zeitliche kommt. „Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, da bist du, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit“, sagt der 90. Psalm. Er sagt nicht „ehe die Berge wurden, da warst du, Gott“, sondern „da bist du“ – die alles Vergangene, alles gerade Ablaufende und alles Zukünftige umschließende göttliche Gegenwart. Und damit auch das Ziel alles dessen, was in der Zeit war, gerade abläuft und sein wird – vor 3000 Jahren, vor 100 Jahren, heute und morgen. Wir Menschen, die wir unser Leben im Strom der Zeit bewußt erfahren, haben vielleicht dann und wann Momente, in denen uns das aufleuchtet, in denen unsere innere Kompaßnadel Richtung göttliche Ewigkeit springt. Wie es der Kirchenvater Augustin in seinem berühmten Gebetswort zum Ausdruck brachte: „Du hast uns auf dich hin geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir.“ In dir – dem dreieinigen, ewigen Gott. Ein Kirchengebäude ist dazu da, unser zeitlich bewegtes, geschäftiges, oft auch chaotisches Leben auf sein Ziel hin auszurichten; was in einer Kirche, auch in dieser Kirche geschieht, Verkündigung und Gebet, Sakrament, Gesang und Orgelspiel – das alles soll unserer Unruhe ihren ewigen Haltepunkt weisen.

 

Jesus Christus, derselbe in Ewigkeit – aber doch auch gestern und heute, heißt es, und wir können ergänzen: „auch morgen“. Es ist ja der Raum der Geschichte, in dem dieser Jesus Christus aufgetreten ist, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort: Jesus von Nazareth, gekreuzigt unter Pontius Pilatus, auferstanden am dritten Tag… Und es ist das konkrete, zeitliche Leben von Menschen, in dem er seither begegnet: Wenn Menschen das Evangelium hören – sei es im persönlichen Rahmen oder in der Kirche –, wenn sie im Namen Jesu versammelt sind, wenn sie das Abendmahl halten, wenn sie in der Zuwendung eines anderen die Liebe Jesu erfahren – dann ereignet sich immer wieder Gegenwart Jesu Christi in der Zeit. So ist es seit 2000 Jahren, und so ist es auch bei uns. Nur dadurch gab es und gibt es die Christenheit. Das aber heißt: Das unruhige Herz, von dem Augustin spricht, kann in Gott nur Ruhe finden, weil er diesem Herzen zuerst begegnet ist. Unser bewegtes, geschäftiges, chaotisches Leben kann in Gott nur seinen ewigen Haltepunkt haben, weil er sich zu uns, in dieses Leben bis in den Tod hineinbegeben hat.

 

Liebe Gemeinde, diese das ganze Leben des Christen und der Kirche tragende Rolle Jesu Christi in aller Klarheit herauszustellen, war das Kernanliegen der Reformation, der sich auch die römische Christuskirche verdankt. Geronnene Form fand dieses Kernanliegen in den berühmten solus-Formeln oder „allein“-Formeln „Christus allein“ (solus Christus), „die Gnade allein“ (sola gratia), „der Glaube allein“ (sola gratia) und „die Heilige Schrift allein“ (sola scriptura). Das klingt technisch, ja theoretisch, wie Formeln eben sind. Daß aber, wo es um Jesus Christus geht, nicht Theorien oder gar akademische Spekulationen gemeint sind, zeigen die beiden noch nicht angesprochenen Sätze unseres Predigttextes: Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben …  Laßt euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. Der Verfasser des Hebräerbriefes schärft seinen Lesern ein, daß die Verkündigung von Jesus Christus einen klaren Inhalt hat und daß der Glaube weiß, woran er glaubt und woran er nicht glaubt – nicht an „fremde“, evangeliumsferne Lehren und nicht an „mancherlei Lehren“, wir würden sagen, kein anything goes. Und er fügt sogleich hinzu, warum er das betont: damit das Herz fest werde. Es geht nicht um abstrakte Wahrheiten oder rechthaberische Abgrenzungen. Sondern es geht, wie in dem Satz Augustins, um uns, um unser Herz. Es geht auch hier um den unruhigen, nach Orientierung und Erfüllung suchenden Mittelpunkt unserer Person, die bei Gott zur Ruhe kommt. Unser Text spricht statt vom Ruhigwerden vom Festwerden, vom Gefestigtwerden, Stabilwerden des Herzens. Darauf, das das Herz in der Verbindung mit Gott stabil wird, daß es ein festes, auch im Strom der Zeit tragendes Vertrauen zu Gott gewinnt und behält – darauf zielt die Lehre, wir würden sagen, die Verkündigung des Wortes Gottes, des Evangeliums. Die Verkündigung des Jesus Christus, der in Ewigkeit derselbe ist und doch gestern, heute und morgen begegnet.

Damit das geschieht, haben Menschen, die unsere Vorfahren im Glauben waren, vor 110 Jahren den Grundstein dieser Kirche gelegt und sie vor 100 Jahren in Gebrauch genommen. Nicht, als ob sie verkannt hätten, daß Jesus Christus in dieser Stadt auch sonst vielhundertfach und schon seit langem verkündigt wurde – und wir verkennen das erst recht heute, in einer Zeit so viel besser und enger gewordener ökumenischer Beziehungen nicht. Aber sie waren sich bewußt und sahen sich verantwortlich, die Einsichten und Ausdrucksformen der Reformation auch an diesem Ort in den Chor der Christusverkündigung einzubringen. Jesus Christus allein – das Motto, das diese Kirche zum Namen hat.  Gestern, heute, 1911, 2021 und in Ewigkeit.

 

Amen.

Kirchweihfest (1. Sonntag nach Trinitatis) – Prof. Dr. Dorothea Wendebourg