2Kor 4, 6-10

Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.

Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.

Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.

Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, auf dass auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.

 

Liebe Gemeinde,

wie lange reicht Ihre Weihnachtsfreude? Wie lange bleiben Sie erfüllt und verzaubert vom Glanz und der Stimmung dieses Festes? Wie lange reicht die Wirkung dieses Festes in Ihr Jahr hinein?

Oder haben sie Weihnachten schon lange wieder vergessen? Waren Sie vielleicht sogar froh, als das große Essen nach dem 26. Dezember vorbei war und die Gäste wieder weg?

Hat der Weihnachtsbaum nicht schon angefangen zu nadeln; und Sie waren froh, ihn endlich aus der Wohnung zu werfen?

Und mit ihm den ganzen Lichterglanz von Kerzen, Leuchtern und Lichterketten?

Weihnachten, ein christlich verstandenes Weihnachten, will kein Fest sein, auf das wir wochenlang hin fiebern, an dem wir es übertreiben, und nach dem wir regelmäßig übersättigt sind.

Nein, Weihnachten will – um es mit den schönen Worten unseres Abschnittes aus dem 2. Korintherbrief zu sagen – einen hellen Schein in unsere Herzen geben.  Weihnachten will mit seinem Inhalt eine Freude, eine Stärkung in unser Herz geben, die weit in unser Leben hineinreicht, nicht nur bis zum 6. Januar oder 2. Februar, sondern eigentlich in unser ganzes Leben hinein.

Der Gehalt der Weihnachtsgeschichte spricht nicht nur hinein in stimmungsvolle Abende in trauter Runde. Der Gehalt der Weihnachtsgeschichte gilt doch für unser ganzes Leben. „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Der Gehalt dieser Botschaft ist doch nach den Feiertagen nicht obsolet geworden.  Dieses Kind wurde ja nicht nur geboren und verschwand dann wieder. Dieser Retter ist doch jetzt bleibend für euch da.

 

Es wäre für mich ganz wichtig, dass wir Weihnachten so feiern, dass wir nicht nur Traditionen abarbeiten oder ein paar schöne Tage genießen, sondern dass wir uns immer wieder neu vom Inhalt dieses Festes erfüllen lassen, so dass wir Kraft und Hoffnung mitnehmen in unseren beileibe nicht immer sehr stimmungsvollen Alltag.

Paulus spricht von einem hellen Schein, den Gott in unsere Herzen gegeben hat.

Und das wäre ein schönes Bild für das, was von Weihnachten hängen bleiben soll: Ein heller Schein im Herzen, in aller Bescheidenheit! Kein Dauergrinsen und keine dauerhafte Hochstimmung. Ein heller Schein im Herzen. Nicht immer für alle sichtbar, nicht immer heller als alles andere, aber eben immer da. Ein heller Schein im Herzen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dass das Weihnachtsgeschehen mit dem Licht des Lichtes beschrieben wird, ist uns in der Kirche vertraut.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. (Jes 9,1)

Freue dich Jerusalem: Licht strahlt auf in Bethlehem, wie verheißen ehedem.

„O Sonne, das werte Licht des Glaubens in mir angericht, wie schön sind deine Stahlen.“ (EG 37,3)

„Heute erstrahlt ein Licht über uns: Christus, der Herr!“

Alles wunderschöne Texte!

 

Wir treiben es als Christen mit dem Bild der Lichtes auf die Spitze: Der Advent ist schon eine Lichterzeit, an Weihnachten geht es um das Licht.

Auch die Auferstehung Jesu an Ostern wird im Bild des Lichts verkündet und die Feier der Osternacht ist nicht ohne das Überwinden der Dunkelheit durch das Licht der Kerzen zu denken.

Damit nicht genug, auch das Erscheinungsfest hat das wahre Licht zum Thema, das mit Jesus erschienen ist und im schönen Morgenstern sein Motiv gefunden hat.

Jesus, der auf dem Berg der Verklärung im Licht seines Vaters erstrahlt.

Jesus als das Licht der Welt; wir entsprechend auch Kinder des Lichts, Jesus als Sonne der Gerechtigkeit, die aufgeht.

Licht, Licht und noch einmal Licht. Man könnte meinen, die christliche Religion wäre ohne dieses Symbol gar nicht sprachfähig.

Religionskritiker blickend verächtlich auf die inflationär häufigen Kerzenrituale in den Kirchen

und stellen gleichzeitig mich Recht fest, dass wir Christen bei so viel Gerede vom Licht wahre Lichtgestalten sein müssten.

Wir sind es aber nicht. Ja, wir sind auch nicht immer die großen Leuchten.

 

Aber wir sind beileibe nicht die einzigen, die mit der Symbolik von Licht und Dunkelheit spielen.

 

Der Kommunismus liebte das Bild der aufgehenden Sonne und stellte seine Kulturevolution unter dieses Symbol.

Der junge Lenin sah im Ausbrechen der Revolution gerade im Osten ein Signal der Weltgeschichte.

„Im Osten geht die Sonne auf.“, hielt er triumphierend der westlichen Welt entgegen, und die rote Sonne des Sozialismus erhob sich im Osten Europas und stellte die Besitzverhältnisse zugunsten der Bauern und Arbeiter in ein neues Licht.

Der geschichtliche Verlauf sollte jedoch zeigen, dass dieser revolutionäre Sonnenaufgang von kurzer Dauer und brüchiger Strahlkraft war.

Und ob Russland als Land der Oktoberrevolution heute lichter und heller dasteht als westliche Länder, mag jede und jeder von Ihnen selbst beurteilen.

Auch schon die westeuropäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts stellte sich gerne als Erleuchtung der menschlichen Vernunft dar.

Endlich sollte der Mensch selber denken können und statt im Halbdunkel mittelalterlicher Kirchen Kerzen zu entzünden lieber das helle Licht seiner Vernunft einsetzen.

Sehr gerne stellten gerade die kirchenfeindlichen Aufklärer ihre Ideen als helle Lichtgedanken dar und stellten sie einem halbdunklen, von Weihrauch vernebelten und von Autorität verdunkelten christlichen Glauben gegenüber.

Wohin aber der helle, freie Geist des Menschen steuern konnte, der alle ach so finsteren vorgegebenen Regeln hinter sich gelassen hat, lehren uns die Geschichtsbücher mit den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts.

Es ist also ausgesprochen gefährlich, liebe Gemeinde,

die Lichtsymbolik anzuwenden und dabei – wie wir Menschen das eben allzu gerne tun – das Licht bei sich selbst und die Finsternis stets bei den anderen anzusiedeln.

 

Unsere Worte aus dem Korintherbrief heute geben uns die Möglichkeit, genau hinzuschauen, von welchem Licht wir ausgehen können. Und diese tiefsinnigen Paulusworte können uns auch helfen, in unserer manchmal überbordenden kirchlichen Lichtsymbolik wieder klar zu sehen.

Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

Zunächst einmal geht Paulus nicht auf Weihnachten zurück, sondern auf die Schöpfung, und damit auf die Erschaffung des Lichts.

Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht.

Und damit ist klar: Gott ist der Schöpfer des Lichts. Kein menschliches Gehirn und auch keine politische Bewegung. Auch die Kirche ist nicht die Erzeugerin des Lichts.

Wo es in dieser Welt hell wird, wo wirklich und im übertragenen Sinne die Sonne aufgeht, wo Menschen klar sehen dürfen und orientiert durchs Leben gehen können, da ist Gott am Werk.

Und nun vergleicht Paulus die Erschaffung des Lichts, dieses Schöpferwerk Gottes am Anfang dieser Welt, mit dem Zustandekommen des Glaubens im Menschen.

Gott, der am Anfang der Welt sprach: „Es werde Licht.“, der hat auch einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben.

Und dieser Vergleich ist gewagt. Das Zustandekommen des zarten Glaubens an Jesus im Herzen des einzelnen Menschen wird von Paulus kühn zusammengebracht mit der einmaligen, grundlegenden, universalen Erschaffung des physikalischen Lichts, ohne die das Funktionieren dieser Welt nicht denkbar wäre.

Das Licht im Universum und der Schein im einzelnen Herzen: In beiden Fällen ist er der Schöpfer, der es ohne unser Mitwirken zustande bringt, dass es Licht gibt und dass es Glauben gibt. Glauben ist auch ein Schöpfungsakt, keine menschliche Anstrengung.

Nun hören wir als Kirchgänger ja gerne so einen Satz, dass Gott einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben hat: Und wir wünschen uns das vielleicht auch vom Kirchenbesuch, dass es uns einfach ein bisschen leichter ums Herz wird. Und das ist auch gut so.

Dass Gott uns einen hellen Schein in die Herzen gegeben hat, das hört vor allem der Protestant gern. Hauptsache, in mir persönlich stimmt’s. Hauptsache, meine persönliche Befindlichkeit ist in Ordnung. Hauptsache, ich bin mit mir im Reinen. Und über den Rest redet man nicht.

Aber hier bleibt Paulus nicht stehen.

Es heißt: Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

Gott hat keinen hellen Schein in unser Herz gegeben, damit wir uns einfach nur gut fühlen und basta, sondern, dass durch uns andere Menschen erleuchtet werden, dass durch uns andere Menschen Gottes Dasein im Angesicht Jesu erkennen können.

Es geht nicht nur um die individuelle Frömmigkeit: Religion ist keine Privatsache!

Sie ruft uns in Gemeinschaft und in den Dienst an anderen Menschen: dass durch uns entstünde die Erleuchtung.

Dass durch uns Menschen Klarheit und Orientierung bekommen und gangbare Wege für ihr Leben finden.

Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

Jeder Dienst, jede Mitverantwortung, jedes Engagement für unseren Herrn Jesus Christus dient dazu, dass andere erleuchtet werden, dass in ihren Herzen das Angesicht Jesu aufleuchtet, dass anderen Menschen warm uns Herz wird und ihr Leben vielleicht wieder leichter.

Haben wir das im Hinterkopf, als Schatzmeister oder Gemeindepräsidentin, als Mitarbeiter oder Konfirmand?

Dass Gott durch uns andere Menschen erleuchten will und das Angesicht Jesu für andere aufleuchten soll?

So wertvoll, so wichtig, so heilig ist unser Zeugnis, das wir durch unsere Mitarbeiterschaft ablegen, dass Paulus es mit der Erleuchtung des Kosmos durch die Sonne vergleicht.

Vielleicht haben wir für Ihren Geschmack heute zu viele Weihnachtslieder gesungen.

Mit Bezug auf ein Weihnachtlied möchte ich aber enden:

Am 26. Dezember ist der bekannte und langjährige deutsche Politiker Wolfgang Schäuble verstorben. Er war praktizierender evangelischer Christ.

Bei der Trauerfeier in der Stadtkirche Offenburg hielt seine Tochter einen emotionalen Nachruf. Sie berichtete, wie Schäuble noch wenige Tage vor seinem Tod mit seiner Familie Weihnachten feiern konnte. „Er sparte alle seine Kraft auf, um mit uns am Heiligen Abend in die Kirche gehen zu können.“ Und dann kommt ein Satz, der mich beeindruckt hat. „Er konnte noch einmal mit uns das ‚O du fröhliche‘ singen.“ Sie sprach nicht von den vielen Bekannten, die er am Heiligen Abend noch gegrüßt hat; sie berichtete nicht von großen letzten Worten an die Weltgemeinschaft; sie sagte nicht: „Er konnte noch einmal die Weihnachtspredigt hören“. – Sie sagte: Er konnte noch einmal mit uns das ‚O du fröhliche‘ singen.“

Das sagt viel aus. Nicht nur, dass er sich als wichtiger Mann in den volkstümlichen Gesang aller einordnete.

Er wusste sich auch in den Inhalt dieses Liedes eingeordnet: Welt ging verloren. Christ ist geboren.

Egal, was mir bevorsteht: Christ ist erschienen, um mich genau da zu versühnen.

Sehen Sie, genau das ist dieser helle Schein in unserem Herzen.

Ein Licht, das nicht nur in uns leuchtet, sondern ein Licht, dass uns auch hineinnimmt und aufnimmt in Gottes große Wahrheit, ein Licht, das uns dann umstrahlt, wenn es dunkel wird.

Und so eine Geborgenheit, so eine Sicherheit, so einen hellen Schein im Herzen brauchen wir alle – nicht nur an Weihnachten. Amen.

Letzter Sonntag nach Epiphanias – Pfr. Dr. Jonas