1. Samuel 2, 1-8

 

Und Hanna betete und sprach:

Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn,

mein Haupt ist erhöht in dem Herrn.

Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,

denn ich freue mich deines Heils.

Es ist niemand heilig wie der Herr,

außer dir ist keiner, und es ist kein Fels, wie unser Gott ist.

Der Herr tötet und macht lebendig,

führt hinab zu den Toten und wieder herauf.

Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.

Er erhöht den Niedrigen aus dem Staub

und erhöht den Armen aus der Asche,

dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse.

(1 Sam 2, 1.2.6-8a)

 

Liebe Gemeinde,

der große Theologe und Bibelkritiker Rudolf Bultmann sprach in im vergangenen Jahrhundert immer wieder vom „Dreistöckigen Weltbild“.

Die Menschen der Bibel, so sagte er, gingen von einem dreistöckigen Weltbild aus.

In der Mitte, da ist die Erde: Da leben die Menschen.

Darüber ist der Himmel: Da wohnt Gott mit seinen Engeln und den Erlösten.

Und unten, gleichsam im Keller, ist die Welt der Toten.

 

Die Menschen zur Zeit Jesu waren laut Bultmann diesem Weltbild verhaftet.

Und natürlich, liebe Gemeinde, klingt darin, wie Bultmann dieses „dreistöckige Weltbild“ beschreibt, schon eine ganze Menge Verachtung dieser naiven, kindlichen und alten Vorstellung an,

die genauso in die Tonne gehört wie die Vorstellung, die Erde sei eine Scheibe.

Dem modernen Menschen sei das nicht mehr zuzumuten.

 

Und die biblischen Vorstellungen seien deshalb auch anzupassen. Bultmann sprach von „Entmythologisierung“. Der aufgeklärte Mensch brauche demnach eben keine Mythen.

 

In österlichem Übermut wage ich, Bultmann aber zu widersprechen:

  1. Die Alten waren durchaus nicht so dumm, dass sie sich die Realität nur statisch wie ein dreistöckiges Haus vorstellen konnten.
    Den biblischen Zeugen war durchaus klar, dass die Rede von „Oben“ und „unten“, von Himmel und Hölle, nicht einfach nur örtlich gemeint ist, sondern auch im übertragenen Sinne.

 

  1. Die modernen Menschen sprechen auch 50 Jahre nach Bultmann noch vom Himmel, stellen sich Gott als Wesen über uns vor, und verwenden die Vorstellung von „unten“ für alles Negative.

„Das zieht mich runter.“, sagt, wenn etwas schlecht läuft.

Wer stirbt, kommt heute immer noch „unter die Erde“.

Und wer geliebt wird, bekommt „einen Stern, der deinen Namen trägt“.

 

So dumm sind diese Vorstellungen gar nicht.

Der Mensch weiß und ahnt, dass es mehr gibt, als die Ebene, auf der wir leben.

Das gilt auch zeitlich:

Es gibt nicht nur die Gegenwart; es gibt auch die Vergangenheit und die Zukunft.

Es gibt Menschen, die vor uns waren, und es gibt Zeiten, die vor uns liegen, und die wir noch nicht kennen.

 

Gewiss, der moderne Mensch legt fast seine ganze Aufmerksamkeit auf die Gegenwart und fragt nicht mehr so stark wie frühere Generationen nach den Vorfahren und nach Gott, in dessen Händen man sich die ewige Zukunft sichern kann.

Aber es wäre doch genauso naiv, davon auszugehn, dass es nur dein Zeitpunkt gibt, den wir gerade erleben und nur die Orte, die wir gerade beschreiten.

 

So wenig wir uns das Universum als wirkliches dreistöckiges Haus vorstellen sollen, so wenig können wir die Vorstellung von „Oben“ und „Unten“, von „Licht“ und „Finsternis“, von Gottesnähe und Gottesferne sein lassen.

 

Bultmanns Kritik am „Dreistöckigen Weltbild“ traf nicht nur die biblische Botschaft von der Auferstehung Jesu mit Grablegung, und leerem Grab und Leichnam, der dann in den Himmel überging.

Bultmanns Vorurteile hätten natürlich auch das Lobgebet der Prophetenmutter Hanna getroffen, die wir heute gehört haben:

Der Herr tötet und macht lebendig,

führt hinab zu den Toten und wieder herauf.

Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.

 

Besser kann man die uralte, überholte Vorstellung nicht gar nicht vorführen.

Immerhin lebte Hanna gut 1000 Jahre vor Christus.

Da hat man sich das wohl wirklich so vorgestellt, dass Gott wie mit einem Fahrstuhl die Menschen nach unten fährt und – wunderbarerweise – auch machmal wieder hinauf.

 

Diese Hanna mag zwar tatsächlich von einem archaischen Weltbild ausgegangen sein, sie konnte vom sich ausdehnenden Universum und der Evolutionstheorie keine Ahnung haben.

Aber das, was sie von Gott sagt, ist wahr und wird immer wahr bleiben:

 

Gott kommt an alle Ebenen oder Sphären oder Zeiten unserer Wirklichen ran. Er hat Zugriff auf die Vergangenheit, auf die Gegenwart und die Zukunft.

Er kommt an alle Stockwerke ran, um wieder das lächerlich gemachte Weltbild zu nehmen.

Er hat Zugriff auf die, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.

Wenn es einen Gott gibt, der das Universum in seiner ganzen Kompexität im Griff hat, dann kommt er überall hin.

Dann sitzt er nicht nur in einem Teil-Stück davon. Sondern dann existiert er in einer Realiät außerhalb und oberhalb des wandelbaren Universums.

 

Er ist wie ein Chef, der in allen Abteilungen seiner Firma Zugang hat.

Vom Vorzimmer bis zum Lagerraum.

 

In der Auferstehung Jesu wird dieser Zugriff Gottes fassbar.

Jesus lebte nicht nur auf der Erde, im mittleren Stockwerk, das wir alle kennen, sondern er stürzte auch ins untere Stockwerk, wie wir das alle einmal müssen.

Aber damit ist er nicht von der Bildfläche verschwunden. Er kommt wieder hoch. Er durchbricht damit diese bleierne und allzu reale Einteilung.

Irdisches Leben, Tod, Himmel: Das wird durchbrochen. Das wird durchlässig.

Vergangenheit, das, was war, wird mitgerettet in das, was ewig sein wird.

 

Wir haben gerade das Credo aus Schuberts Messe gehört – und hoffentlich auch mit gefühlt.

Da wandert der Bass des Orchesters in einer durchgehenden Viertel-Bewegung durch das ganze Stück, hinauf und hinunter durch Dur und Moll, durch heitere und dramatische Harmonien.

Dieser Bass ist nicht statisch und bleibt auf einer Ebene. Das wäre musikalisch gesprochen ein Orgelpunkt, ein gleichbleibender liegender Bass.

Aber so ist Schuberts Credo nicht und so ist unser Glaube nicht.

Wir bleiben nicht immer auf dem gleichen statischen Niveau.

Wir sind nicht immer ausgeglichen und in stoischer Ruhe.

Wir fahren manchmal über uns hinaus. Und wir stürzen manchmal in den Keller.

 

Gottes Botschaft vom Leben, die Nachricht von Jesu Auferstehung, der Osterjubel breiten sich – auch heute wieder – auf der ganzen Welt aus.

Das gilt für alle Länder, alle Nationen, alle Kontinente.

Das ist die horizontale Ausbreitung:

Die Freude geht in alle Lande, zu allen Menschen, betrifft alle Geschöpfe.

 

Aber das bleibt nicht im „mittleren Stockwerk“.

Und mit Schuberts Credo können wir heute sagen:

Das geht nicht nur unter die Haut.

Das geht auch unter die Erde. Das betrifft auch die Toten.

 

Der Osterjubel, die Energie, die von Jesus ausgeht, ist nicht nur für die Lebenden, für die, denen es gut geht, sondern gerade für die, die ganz unten sind.

 

Was Gott hier zu sagen hat, das geht es alle an.

Und wenn Gott zum Heil ruft, dann sollen das alle hören:

Die Elenden ganz unten zuerst.

 

Wenn eine Botschaft die Welt durchziehen soll, dann dieser Ruf zum Leben von Gott.

 

Es gibt ja Botschaften, die die Welt nicht braucht.

Da durchzieht vieles den Äther in Fernsehen oder Internet, auf das man problemlos verzichten könnte.

Werbung, die man schon kennt. Moralische Appelle, die man schon hundermal gehört hat. Verprechungen, die nicht eingehalten werden.

 

Die Kirche gehört leider immer wieder mit zu denen, die solche Botschaften verbreiten, die nur langweilen.

Dass die Pfarrer zwar oft viel reden, aber wenig zu sagen haben, möchte ich Ihnen mit folgender Geschichte verdeutlichen:

 

Ein Pfarrer begegnet auf seinem Spaziergang einem Hirten mit seiner Herde.

Er spricht den Hirten gleich in seiner pastoralen, belehrenden Art an:

„Guter Mann, wenn ich Ihnen genau sage, wie viele Schafe sie haben,

geben sie mir dann ein Schaf als Gewinn?“

 

„Gut.“, sagt der Hirte und lässt sich darauf ein: „Wie viele Schafe habe ich denn?“

„Es sind genau 234.“, sagt der Pastor.

„Stimmt.“, muss der Hirte sagen und lässt den Pfarrer ein Schaf aussuchen.

 

„Jetzt aber eine Frage von mir“, sagt der Hirte, „Wenn ich Ihnen sage, welchen Beruf Sie haben, bekomme ich dann mein Tier zurück?“

 

„Ja.“, sagt der Pastor und lässt ich darauf ein.

„Sie sind Pfarrer!“, sagt der Hirte treffsicher.

 

Der Pastor ist verblüfft und fragt „Wie haben Sie denn das rausgefunden?“

 

„Das war ganz leicht.“, sagt der Hirte.

„Erstens: Sie haben mich angequatscht, obwohl ich Sie nicht gerufen habe.

Zweitens: Sie haben mir nur das erzählt, was ich sowieso schon weiß.

Drittens: Sie haben überhaupt keine Ahnung von der Arbeit, die ich jeden Tag mache.

Und jetzt geben Sie mir meinen Hund zurück!“

 

Gott spricht dagegen entscheidende Worte, Worte, die etwas bewirken, Worte, die etwas verändern.

Sie bleiben nicht an der Oberfläche, sie gehen in die Tiefe.

 

Jesus ist Gottes sichbares Wort. Er ging in die Tiefe. Er war bei den Toten. Er zerbricht die Grenzen, die für uns gelten.

 

Und so werden die alten Worte, die Hanna im Alten Israel gesungen hat, anschaulich bewiesen:

Der Herr tötet und macht lebendig,

führt hinab zu den Toten und wieder herauf.

Er erniedrigt und erhöht.

 

Wollten wir wie Bultmann über diese Vorstellung spotten, dann könnten wir uns da regelrecht einen Fahrstuhl vorstellen, mit dem Jesus alle drei Stockwerke der Welt erreichen konnte, und an dessen Knöpfen Gott steht.

Hinab und wieder hinauf, wie ein Kind, das mit dem Fahrstuhl spielt.

 

Aber so kindisch lässt sich weder der Glaube der Hanna, noch die Auferstehung Jesu interpretieren.

Es ist kein Aufzug, der die Stockwerke unserer Welt und unserer Gefühl durchbricht.

Es ist Gottes Liebe.

Sie führte Jesus hinab zu uns und ganz in den Tod.

Sie ist aber auch die Kraft, in der er aufsteigt.

 

Wir Menschen würden uns gerne auch erheben.

Aber unsere Kraft reicht nicht aus.

Wir haben keine Flügel, die uns in die Höhe tragen könnten.

Der Mensch kann nicht hinauf, will aber hinauf.

 

Nur der auferstandene Christus kann uns hinauftragen in die Nähe zu Gott, zu der unsere eigenen Kräfte nicht ausreichen.

Er nimmt das verlorene Schaf auf die Schulter und trägt es heim.

An seinem Leib festgehalten, kommen wir dahin, wo Gott ist – egal, ob wir uns das nun oben oder ganz oben oder außerhalb oder innerlich vorstellen!

 

Das ist der Grund zur Freude:

Die Liebe ist stärker als der Tod.

Die Liebe ließ Jesus absteigen. Sie ist aber auch die Kraft, in der er aufsteigt.

Und er nimmt uns mit.

Verbunden mit seiner Liebe, von ihren Flügeln getragen, können wir auch mit ihm absteigen in die Dunkelheiten und zu den Elenden.

Und wir wissen, dass wir gerade so mit ihm aufsteigen.

 

Himmel, Erde, Tod und Grab – alles wird durchlässig.

Nicht, weil alte Weltbilder wanken,

sondern weil seine Liebe greift,

und uns ergreift, sofern wir das zulassen.

Wer seine Hände nach Jesus ausstreckt, wird hochgezogen:

Aus dem Stimmungstief, aus der Einsamkeit, aus dem Kreisen um sich selbst.

Aus dem untersten Stockwerk, das wir uns vorstellen können – dreistöckiges Weltbild hin oder her.

Amen.

Ostersonntag – Pfr. Dr. Jonas