1. Mose 11, 1-9

Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.

Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst.

Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.

Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.

Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!

So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.

Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

 

Liebe Pfingstgemeinde,

liebe Konfirmanden!

Sollten wir heute zu diesem Fest nicht etwas hören, das uns Mut macht, das uns vom Leben begeistert, das uns antreibt?

Stattdessen hören wir, wie Gott diesen aufstrebenden Menschen damals in Babylon gewaltig eine vor den Bug knallt.

Stattdessen hören wir, wie Gott menschliche Ideen und menschlichen Ehrgeiz abrupt abwürgt und sich die Menschen am Ende der Geschichte nicht mehr verstehen und auseinanderlaufen, weil sie verschiedene Sprachen sprechen!

Sollten wir zur Konfirmation euch junge Menschen nicht motivieren und stärken, anstatt mit dieser Geschichte zu ernüchtern?

Die Geschichte hat es in sich. Nicht nur, dass sie uralt ist und in vielen Kulturen bekannt ist. Nicht nur, dass Babylon bis heute ja schlechthin das Codewort ist für menschliche Verdorbenheit und Untergang.

Nicht nur, dass die Archäologie gezeigt hat, dass an dieser alten Stadt und ihren gewaltigen Bauten wirklich etwas dran ist.

Aufstrebender Menschengeist und herabkommender Gottesgeist.

Unter dieser Überschrift könnte diese Predigt heute stehen, und mit dieser Unterscheidung könnte ich es schaffen, allen Anlässen dieses Feststages gerecht zu werden: Euch Konfirmanden etwas mitgeben für den Lebensweg, der vor euch liegt, und euch allen, die ihr Pfingsten feiern und verstehen wollt, eine Klärung dessen, was Gottes Geist ist.

 

I

Aufstrebender Menschengeist

Da kommen in alter Vorzeit Menschen zusammen, um gemeinsam etwas Großes zu schaffen, um eine Stadt und einen Turm zu bauen. Da stehen wir am Anfang einer Hochkultur; da gibt es einen technischen Fortschritt. Diese Menschen sind motiviert und packen an; und dann fährt Gott ihnen ihr Werk an die Wand!

Was soll das?

Wir müssen jetzt ganz vorsichtig sein. Denn diese Geschichte ist ganz oft falsch interpretiert worden.

Will Gott denn nicht, dass Menschen etwas anpacken?

Ist die Bibel denn gegen den technischen Fortschritt?

Wäre es Gott lieber, wir Menschen würden auf primitivem Niveau leben, in Höhlen und Hütten, ohne Stadtmauern und Turm, ohne Hochhäuser und Autos, ohne Flugzeuge und Computer?

So wurde die Geschichte immer wieder verstanden – als sei der technische Fortschritt der Menschheit von vornherein ein Übel. Und unsere ökologische Krise kann diese Vorstellung verstärken.

Aber so ist das nicht! Gott ist nicht gegen die Technik und den Fortschritt, wie das manche Religionskritiker immer so grob unterstellen! Gott hat uns Menschen einen Geist und einen Verstand gegeben, damit wir etwas entwickeln und schaffen können und damit wir diese Erde gestalten!

Und natürlich ist technischer Fortschritt und Wissenschaft nicht vom Teufel!

Wir sind doch alle dankbar, wie weit allein der Fortschritt in der Medizin gegangen ist; dass man heute Krankheiten behandeln kann, deren Verlauf man früher nur zuschauen konnte, dass man heute Impfstoffe entwickeln kann in kürzester Zeit, wo man sich früher nur bösen Mächtenund Geistern ausgeliefert sah.

Nein, Gott ist nicht gegen Technik! Gott ist nicht gegen Fortschritt! Und Gott ist auch nicht dagegen, wenn Menschen gemeinsam etwas anpacken!

 

Wenn wir genau hinschauen, sehen wir, was bei diesem aufstrebenden Menschengeist in Babylon der Fehler war:

„Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen.“

Es war die Überheblichkeit! Das war der Fehler!

Die Menschen wollten sich einen Namen machen. Sie wollten sich groß und sicher fühlen. Sie wollten jemand sein. Das war die blanke Eitelkeit.

Und das geht nicht gut.

Menschlicher Geist, der etwas schafft, um zu helfen, zu sichern, zu verbessern: Das ist alles wertvoll.

Aber menschlicher Geist nur, um sich einen Namen zu machen, um sich groß darzustellen, um sich zu präsentieren, das ist falsch. Zumindest aus Gottes Sicht falsch.

Ihr Konfirmanden könnt das vielleicht in eurem Schulalltag nachvollziehen:

Gute Leistungen sind wertvoll und sinnvoll, um weiterzukommen, um etwas zu verstehen, um einmal ein gutes Abitur zu machen.

Aber gute Noten nur, um damit anzugeben: Das kommt nicht gut an. Und das durchschauen schon junge Menschen.

Wir müssen ganz sauber unterscheiden: Warum setzte ich mich ein? Warum gebe ich mir Mühe? Warum bin ich ehrgeizig?

Geht es mir um die Sache oder geht es um meine persönliche Eitelkeit?

 

Das muss auch ich als Pastor mich immer wieder fragen: Predigst du, um toll anzukommen, um gelobt zu werden, um dich toll zu finden oben auf der Kanzel, oder um Menschen wirklich etwas mitzugeben, das nicht von dir kommt, sondern das ihnen nur Gott sagen kann?

Setzen wir unseren Menschenverstand und unsere Begabungen ein, um das Leben besser zu machen, oder um uns einen Namen zu machen? Das ist die Frage! Und die ist für euch Konfirmanden so wichtig wie für uns alle!

 

Wenn Menschen nur noch ihre Projekte sehen und ihre Ideen und ihre Wichtigkeit, dann zieht Gott oft die Notbremse.

Dann platzt der Luftballon der Eitelkeit. Dann platzt die Immobilienblase.

Dann verhängt Gott plötzlich einen Baustopp beim Turmbau zu Babel.

 

Nicht, um uns zu quälen, sondern um Schlimmeres zu verhindern.

Menschen können sich so versteigen in ihre eigene Wichtigkeit, dass sie alles um sie herum vergessen – Gott eingeschlossen.

Und dann kann es sein, dass Gott sie bremst, dass er sie zurückholt auf den Boden der Realität:

Du lieber Mensch, du bist begabt und fähig und klug – aber greife nicht nach den Sternen. Vergiss nicht, dass du ein Mensch bist und kein Gott!

 

Und wir kennen das alle in großer oder kleinerer Form, dass Gott unsere Pläne und Ideen zerschlägt.

Da bereitet sich einer vor auf einen sportlichen Wettkampf und gibt alles; aber dann kommt die Knie-Verletzung.

Da ist eine verliebt und setzt alles auf diese eine Karte; und der Kerl wendet sich ab.

Da gibt einer im Beruf alles und sieht schon die großen Sprünge nach oben; und dann wählt der Chef einen anderen aus.

 

Wir kennen das alle. Aufstrebender Menschengeist bleibt so verletzlich.

Und Gott will uns davor bewahren, dass wir uns vollkommen verrennen.

 

 

II

Herabkommender Gottesgeist

In Babel damals, so heißt es in unserer Geschichte, da fuhr Gott, der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.

Gott fährt vom Himmel herab zu den überheblichen, aber scheiternden Menschen!

Gottes Geist ist ein herabkommender Geist!

Gottes Geist ist ein herabkommender Geist – das ist der Inhalt von Pfingsten.

Gottes Geist bleibt nicht in vergeistigten göttlichen Höhen, die wir nie erreichen könnten, sondern Gottes Geist kommt herab.

 

Er kommt zu denen, deren Lebensprojekt in Stocken gekommen ist.

Er kommt zu denen, denen eine Krankheit einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Er kommt zu denen, die unglücklich verliebt sind.

 

Gott erfreut sich nicht am Scheitern der Menschen, sondern er steigt zu ihnen herab.

Gottes Geist ist kein herablassender, sondern ein herabkommender Geist.

 

Er kam auch zu den Jüngern Jesu nicht, als sie auf der Höhe ihrer Kraft waren. Er kam zu den Jüngern Jesu, als sie sich nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu nicht mehr auf die Straße trauten und sich in Jerusalem eingeschlossen haben vor lauter Furcht.

 

Pfingsten passiert nicht da, wo Menschen stark sind, sondern wo sie drohen zusammenzubrechen.

Gottes Geist ist keine Belohnung für die, die sowieso schon klug sind und sich toll fühlen.

Gottes Geist ist für den Augenblick, wo der Turmbau von Babel ins Stocken kommt.

Gottes Geist ist für die Momente, wo uns alles zusammenbricht.

Wie viele Kartenhäuser sind uns schon zusammengefallen, kleine und große?

 

Und deshalb nennt Jesus den Heiligen Geist auch den Tröster. Das ist wahr!

 

Cari Confermandi, naturalmente, vi auguriamo che le vostre vite vadano verso l’alto e che raggiungiate e smuoviate qualcosa.

Ma sempre, se qualcosa dovesse collassare o se doveste sperimentare dei rovesci di fortuna,

allora non rinunciate, ma prendete questo Spirito di Dio:

nuovo coraggio, nuova energia, nuova forza. Tutte cose che noi esseri umani non possiamo costruirci da soli.

 

Liebe Gemeinde,

immer dann, wenn euch etwas zusammenbricht oder es Rückschläge gibt, dann gebt nicht auf, sondern dann nehmt diesen Geist, der herunterkommt von Gott und der uns geben kann, was unser Gehirn und unsere Stimmung nicht selbst schaffen.

 

Der Fehler der Turmbauer von Babel war, dass sie sich einen Namen machen wollen.

Und der Fehler auch unseres Lebens kann sein, dass wir uns einen Namen machen wollen – als Einzelne, als Volk, als Firma, als Kirche.

 

Das ist so falsch, weil wir uns doch gar keinen Namen machen müssen.

Wir haben doch schon längst einen Namen bekommen – von unseren Eltern, die uns mit ihrer Anrede schon eine Liebe und einen Wert gegeben haben, als wir noch gar nichts leisten konnten.

Und wir spüren und wissen, dass diese Liebe wichtiger und tragender ist als jeder erarbeitete Ruhm.

 

Wir haben doch schon längst einen Namen, weil Gott uns vom ersten Moment an sagt:

Fürchte dich nicht! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.

 

Nein, unsern Namen, unsern Wert, unsere Würde, die müssen wir uns nicht machen, sondern die haben wir schon längst von unserem Vater im Himmel bekommen. Das ist Glaube.

Wem das bewusst ist, der ist für alle Herausforderungen des Lebens ausgerüstet.

Und wer das dann und wann vergessen haben sollte, weil ihm das Leben etwas ganz anderes gesagt hat, und der eine oder andere selbstgebaute Turm zusammenbrach,

der kann sich einfach wieder von Gottes Geist besuchen lassen.

Denn der kommt überaus gerne herunter.

Nach Babel, nach Jerusalem, nach Rom,

auf die Bauruine, hinter verschlossene Türen, zu jungen und alten Menschen, die ihn brauchen.

Das ist Pfingsten. Amen.

Pfingsten – Pfr. Dr. Jonas