Predigt über Röm 1,7-17 im ZDF-Fernsehgottesdienst am 22. April 2012 in der Christuskirche Rom

 

„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“ Amen.

I.

Der Apostel Paulus hat Mut! Er schreibt an die kleine Gemeinde in Rom und kündigt seinen Besuch an. In Rom, der Hauptstadt des römischen Reiches, will er das Evangelium von Jesus Christus verkündigen. Ausgerechnet in Rom, das voll ist von Tempeln der antiken Religionen, hier, wo sich der Kaiser als Gott verehren lässt. Also, lieber Paulus, könnte man sagen: ‘Auf Dich hat man in Rom gerade noch gewartet. Was willst Du da?’

Ausgerechnet Rom – da klingt manches an, was wir als evangelische Christen in dieser Stadt auch kennen. „Siete christiani anche voi?“ – „Seid ihr auch Christen?“ Das werden wir oft als erstes gefragt. Es versteht sich nicht von selbst, dass es hier eine evangelische Kirche gibt. Wo immer das Gespräch auf den Glauben kommt, müssen wir zunächst erklären, dass der Name „christiani“ nicht gleichbedeutend mit römisch-katholisch ist und dass wir als Evangelische keine andere Kirche sind, sondern gemeinsam mit allen Christen zu der einen Kirche Jesu Christi gehören.

Ausgerechnet Rom – Paulus hätte vermutlich entgegnet: ‘Mag sein, dass ich in Rom nur ein  unbedeutender Missionar bin. Mag sein, dass man über mich den Kopf schüttelt. Mag sein, dass meine Verkündigung des Evangeliums in Rom auf Ablehnung stoßen wird. Aber deshalb das Beste und Kostbarste verschweigen, was ich im Leben habe? Nein.’ Und so schreibt Paulus den Römern: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben“ (Röm 1,16). Die Gewissheit und der Mut des Apostels Paulus haben ihren Grund also nicht in seinen persönlichen Fähigkeiten. Sie kommen von weiter her. Es ist die Gewissheit und der Mut, mit denen Gott uns durch das Evangelium ausstattet.

Darin ist Paulus uns ein wichtiges Vorbild. Mag sein, dass wir eine kleine Gemeinde sind und unser Einfluss gering ist, doch wir erleben wie das Evangelium unserem Leben Sinn und Halt schenkt, weil es uns die Gnade und Liebe Gottes zuspricht und wir dadurch frei von Angst und Verzagtheit werden. Wir gewinnen den Mut und die Kraft, unseren Glauben zu leben und ihn in die Ökumene in dieser Stadt einzubringen.

II.

Was für unseren Glauben wichtig ist, das beschreibt Paulus am Anfang des Römerbriefes. Dort sagt er: Im Evangelium „wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben“ (Röm 1,17) Paulus geht es hier um das Verhältnis zwischen Gott und uns Menschen. Er weist uns auf etwas ganz Entscheidendes hin: Nicht unsere guten Taten oder unser Ansehen machen uns zu Gottes Kindern. Das Wunderbare ist, dass wir dafür überhaupt nichts tun müssen. Wir bekommen es geschenkt, dass Gott uns als seine Kinder annimmt und liebt. Das gilt für jedes einzelne Leben, mit allen seinen Widersprüchen, mit seinen Irrtümern und Brüchen, und mit seiner Schuld. In Jesus Christus sagt Gott „Ja“ zu uns. Eindeutig und klar: „Ja, du bist meine Tochter. Du bist mein Sohn. Nicht wegen deiner Vorzüge, sondern trotz allem, was gegen dich spricht. Du wirst von mir um deiner selbst willen geliebt“, sagt Gott, „nicht aufgrund dessen, was du tust oder vorzuweisen hast.“ Martin Luther hat diese Einsicht wunderbar auf den Punkt gebracht, wenn er sagt: „Denn die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind.“ (WA 1,365)

Wir werden also von Gott nicht so angenommen, wie wir sind, sondern obwohl wir so sind, wie wir sind. Zugleich aber bedeutet dieses Angenommensein, dass Gott uns nicht so lässt wie wir sind, sondern uns durch seine Liebe verwandelt.

Dass wir diese Botschaft des Evangeliums als wahr und gültig für uns erkennen, dafür ist Jesus Christus in diese Welt gekommen, ist Mensch geworden und hat Verzweiflung, Ängste und den Tod durchlitten. All dies nimmt Jesus am Kreuz auf sich, damit wir davon frei werden. Er gibt sich ganz hin und wird von Gott am Ostermorgen zu neuem Leben erweckt, damit wir in der Gewissheit leben dürfen, dass nichts und niemand uns von der Liebe Gottes trennen können – auch der Tod nicht (Röm 8,38f). Wir sind von Gott geliebt. Unter allen Umständen. An allen Orten. Für alle Zeiten. Das ist die unverlierbare Würde, die allen Christenmenschen zukommt – ganz gleich zu welcher Konfession sie gehören.

III.

Die frohe Botschaft des Evangeliums verändert alles. Sie macht unser Leben hell und weit. Sie schenkt uns Zuversicht. Sie verleiht uns Christen eine besondere Anmut. Und mehr noch: Wer sich von der Gewissheit der Liebe Gottes tragen lässt, kann die Erfahrung einer neuen Freiheit machen und frei werden von manchen Sorgen und Bindungen dieser Welt. Und unabhängig von dem, was die Leute sagen. So von Angst und Verzagtheit befreit, wird verantwortliches Leben in dieser Welt möglich. Dazu gehört auch, das Evangelium weiterzutragen, vom Glauben zu sprechen, der mir geschenkt ist und auch da zu unserem Glauben zu stehen, wo andere uns belächeln.

Niemand von uns würde heute glauben, wenn das Evangelium in der ersten Christenheit im toten Winkel eines stummen Glaubens versickert wäre. Niemand wird morgen glauben, wenn wir die frohe Botschaft Gottes verschweigen. Die Geschichte, durch die Gott uns zum Glauben an sich bewegt und uns frei macht, will mitgeteilt sein. Nicht jedem ist es möglich so wie dem Apostel Paulus, sein ganzes Leben in den Dienst des Evangeliums zu stellen. Aber Jünger Jesu sind wir alle. So wie wir sind, braucht Gott uns. Die Menschen, die er auswählt, damit durch sie das Evangelium in die Welt hineingetragen wird, gehören nicht zu den Starken und Mächtigen. Er setzt auf die, die nichts vorweisen können als sich selbst, als ihren Glauben. Mit solchen Leuten kann Gott aus dem, was klein und schwach erscheint, Großes und Wunderbares schaffen.

Unsere evangelische Gemeinde in Rom erlebe ich als einen solchen Ort, wo Menschen versammelt sind, die sich des Evangeliums nicht schämen. Die miteinander über ihre Glaubenserfahrungen sprechen, die sich gegenseitig erzählen, was ihnen das Evangelium wert ist und sich so im Glauben bestärken. Ein Platz zum Auftanken, zur Vergewisserung in unübersichtlichen Zeiten, ein Ort, an dem das Evangelium zu hören ist und Menschen ermutigt, ihr Leben aus dem Glauben heraus zu gestalten. Hier ist und lebt eine Gemeinschaft, die aufeinander achtet und die sich zugleich immer wieder neu aufmacht und das Miteinander, das Gespräch, den Dialog mit den anderen Christen in Rom sucht und fördert.

Und wie für viele aus unserer Gemeinde so gehört auch für mich die lebendige und bunte Ökumene in unserer Stadt zu den großen Bereicherungen meines eigenen Glaubens. In Rom lässt sich vielfältig erfahren, dass wir als evangelische Christen zu der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche Jesu Christi gehören. Das bereichert uns und gleichzeitig bringen wir uns als evangelische Christen in die Ökumene ein – mit dem, was für unseren Glauben prägend und entscheidend ist.

Wie das aussehen kann, davon erzählen drei Menschen aus unserer Gemeinde:

(1) Ursula Kirchmayer: „Beim Nachdenken darüber, warum ich evangelisch bin, spielen zwei eng miteinander verknüpfte Elemente für mich die zentrale Rolle: Freiheit im Glauben und persönliche Verantwortung vor Gott. Wenn es zum Beispiel um eine so zentrale Frage wie die Familienplanung geht, dann wundern sich meine italienischen Gesprächspartner oft darüber, dass wir Evangelischen uns nicht an eine von oben diktierte Lehrmeinung halten müssen. Ich darf mir eine eigene Meinung bilden und sie frei äußern. Damit übernehme ich allerdings auch eine ganz persönliche Verantwortung vor Gott. Nach solchen Gesprächen bin ich immer wieder froh, evangelisch zu sein.“

(2) Viebke Stöver: „Es tut mir leid, dass ich mit meinem katholischen Mann nicht gemeinsam das Abendmahl empfangen kann. Aber unsere Hochzeit und die Taufe unserer Zwillinge – jeweils mit zwei Pfarrern – waren dafür “doppelt so schön”. Und unsere Kinder wachsen heute – wie selbstverständlich in beiden Kirchen auf. Anfangs hatte ich Bedenken, als “halbe Christin” oder gar “halbe Heidin” angesehen zu werden, heute freue ich mich, dass meine Schwiegermutter ab und zu mit in den evangelischen Gottesdienst kommt.“

(3) Britta Kägler: „Mir gefällt die Vielfalt der christlichen Kirchen hier in Rom. Lutheraner, Anglikaner oder Waldenser sind hier. Und unsere Stadt ist natürlich auch die der Katholiken – und sie bietet Platz für die östlichen Kirchen, griechisch Orthodoxe, Armenier oder Kopten. Damit ist Rom ein bisschen so wie Jerusalem, wo alle Kirchen vertreten sein wollen. Die Anfänge unseres Glaubens vor 2000 Jahren verbinden alle. Diese Verbundenheit immer mehr mit Leben zu füllen, bleibt unsere gemeinsame Aufgabe. Rom ist ein guter Ort, um evangelisch zu sein.“

IV.

„Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben“ (Röm 1,16b)

Wenn Gott in Jesus Christus unverbrüchlich „Ja“ zu uns sagt, dann verspricht er uns damit nicht ein Leben, in dem uns alles gelingen wird. Wir erleben in aller Regel weiter Unverständnis,  Trostlosigkeit und Überheblichkeit, handeln gelegentlich verzagt oder gottvergessen.

Gleichwohl verändert sich durch das „Ja“ Gottes alles in unserem Leben. Denn von nun an dürfen wir in der Gewissheit leben: Es gibt ein „Ja“ in all dem „Nein“, das wir in dieser Welt erfahren. Dieses „Ja“ Gottes trägt uns und schenkt uns die Kraft, die Wirklichkeit anzunehmen und sie zu gestalten. Deshalb schämen wir uns der Botschaft des Evangeliums nicht. Deshalb bringen wir unseren Glauben in das Leben in dieser Stadt ein und tun das als evangelische Gemeinde in Rom  voller Zuversicht und Freude. Immer in der Gewissheit: Es ist „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ (Eph 2,5). Dieser Glaube an Jesus Christus, der uns allein aus Gnade vor Gott gerecht gemacht hat, verbindet uns mit allen Christen in dieser Stadt zu der einen Kirche Jesu Christi. Deshalb ist Rom ein wirklich guter Ort, um evangelisch zu sein.

Amen.

„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Amen.