Liebe Festgemeinde!

1.

Als Martin Luther die erste neu gebaute evangelische Kirche, die Schlosskirche im sächsischen Torgau an der Elbe, am 5. Oktober 1544 einweihte, sagte er, dass wir als Christen eigentlich keine festen Kirchengebäude bräuchten, um Gottesdienst zu feiern. Wir könnten es auch entweder unter freiem Himmel oder in jedem x-beliebigen Raum tun. Denn ein rechter evangelischer Gottesdienst besteht in nichts anderem, „als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir umgekehrt mit ihm reden durch unser Gebet und Lobgesang.“ Dieses Gespräch zwischen Gott und Mensch, wie es dem Reformator als evangelischen Gottesdienst vorschwebt, kann überall stattfinden: in jedem weltlichen Raum, aber auch im Freien auf dem Marktplatz, auf einer Wiese oder im Wald.

Erstaunlicherweise hat Luther selbst trotzdem maßgeblich auf die Gestaltung der Torgauer Schlosskirche Einfluss genommen – bis hin zur künstlerischen Ausgestaltung von Altar, Kanzel und Taufbecken. In den vergangenen fünf Jahrhunderten evangelischen Kirchenbaus haben wir Protestanten gelernt, dass die Bedeutung des Kirchenraumes nicht unterschätzt werden sollte und über die reine Funktion als Versammlungsort hinausreicht.

2.

Ich stamme aus einer evangelischen Familie, in der man nur an Heiligabend und zu den Kasualien Taufe, Konfirmation und Trauung den Gottesdienst besuchte. Meine erste Erinnerung an einen Kirchenraum ist deshalb der jährliche Besuch des Heiligabend-Gottesdienstes in der Kirche meiner hessischen Heimatstadt Nidda während der Kindheit. Als kirchlich kaum sozialisiertes Kind erfüllten mich sowohl die Atmosphäre des großen Kirchenraumes als auch die beiden mir riesig erscheinenden Tannenbäume im Altarraum in ihrem Lichtermeer mit Ehrfurcht und Staunen. Damals, vor bald 60 Jahren, wurde in der Kirche vor dem Beginn des Gottesdienstes noch geschwiegen. Darum lag über dem Raum mit seinen vielen Menschen eine feierliche Stille. Ich kann mich noch genau erinnern, wie stark meine kindliche Seele von der Erhabenheit dieses Momentes berührt wurde. Die Atmosphäre in der Kirche schien mir Ausdruck für die Wirklichkeit von etwas Großem und Erhabenen zu sein. Auch die Erwachsenen wagten angesichts dieser Wirklichkeit nicht zu sprechen.

 

3.

Das Thema der Kantate, die den heutigen Festgottesdienst musikalisch prägt, stammt aus Psalm 84: „Gott der Herr ist Sonn und Schild“. Der Psalm stellt ein Hoheslied der Liebe auf das Haus Gottes dar. Wie ein roter Faden zieht sich die Freude über den Tempel, die Wohnung Gottes auf Erden, durch den Psalm. „Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth!“ „Ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten.“ Der Psalmbeter beneidet sogar die Vögel, weil sie hoch oben, in den Mauern des Tempels, ihre Nester bauen und sich Tag und Nacht im Haus Gottes aufhalten dürfen.

Ich habe den Eindruck, dass das Lebensgefühl des Psalmbeters gar nicht so weit entfernt ist von dem vieler Zeitgenossen heute. Der frühere Münchener Starsoziologe Ulrich Beck stellte fest, dass wir in einer Risikogesellschaft leben. Die Angst ist zum beherrschenden Lebensgefühl vieler Menschen – alter und junger gleichermaßen – geworden. Um in solchen Zeiten emotional überleben zu können, brauchen wir Orte der Verlässlichkeit. Gerade sakrale Räume wie Kirchen vergewissern uns mit ihrer besonderen Ausstrahlung unseres Lebens und Glaubens. Sie werden zu Orten der Selbstvergewisserung, indem sie uns hineinnehmen in das Leben und den Glauben der Männer und Frauen, die in der Vergangenheit in unseren Kirchen durch Gott Trost und Orientierung gefunden haben. Inmitten rasanter gesellschaftlicher Veränderungen ist jede Kirche ein Ankerplatz unserer Seelen. Obwohl nichts so bleibt, wie es ist, erwecken sie in uns neue Selbstgewissheit und Zuversicht und stärken so unseren Glauben.

 

4.

Wie manche von Ihnen wissen, war ich bis vor zwei Jahren Erster Universitätsprediger der Universität Leipzig. 1968 hatte die DDR-Führung die im Krieg unzerstört gebliebene gotische Universitätskirche sprengen lassen. Bis zur Einweihung der neuen Universitätskirche mussten die Universitätsgottesdienste deshalb in der nahegelegenen Nikolaikirche stattfinden. 1989 hatte die Friedliche Revolution in der DDR von dieser Kirche ihren Ausgang genommen. Jahrelang konnte ich in der Nikolaikirche Folgendes beobachten: Zwischen dem Ende des Gemeindegottesdienstes und dem Beginn des Universitätsgottesdienstes war eine Pause, in der zahlreiche Besuchergruppen aus aller Welt in die Kirche kamen. Wenn dann der Universitätsgottesdienst begann, verließen die Besucherscharen die Kirche wieder. Etwas überspitzt ausgedrückt: Menschen strömten in die Kirche, wenn keine Gottesdienste stattfanden, und verließen sie fluchtartig rechtzeitig vor Gottesdienstbeginn. Das gleiche Phänomen lässt sich auch in anderen bekannten Kirchen in Sachsen wie der Frauenkirche in Dresden beobachten. Es stimmt nachdenklich, dass Menschen gerade dann in die Kirchen strömen, wenn keine Gottesdienste stattfinden. Offensichtlich erhoffen sie symbolische und rituelle Vergewisserung ihres Lebens und Glaubens eher von den Kirchenräumen als vom Gottesdienst.

Was ist auf dem Hintergrund dieser Beobachtungen von Luthers These zu halten, dass wir als christliche Gemeinde im Grunde gar keine Kirchenräume bräuchten, um Gottesdienst zu feiern? Ich meine, dass der Reformator sich mit dieser Behauptung des Stilmittels der klärenden Übertreibung bediente. Im Zentrum des Christseins – zumal des evangelischen Glaubens – steht tatsächlich nicht der sakrale Raum an sich. Im Zentrum des Christseins steht das Evangelium, die frohe Botschaft vom Kommen Gottes in die Welt. Das Kirchengebäude ist bestenfalls Platzhalter und Zeichen, Hinweis und Brücke zum Evangelium. Darum haben die Verantwortlichen der Christuskirche richtig entschieden, zum 100jährigen Kirchweihjubiläum die Bachkantate Nr. 79 auszuwählen. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Kantate nämlich vor allem in ihrem zweiten Teil als ein einziger Lobpreis auf das Wort Gottes. Bach hat die Kantate wohl zum Reformationstag 1725 in Leipzig uraufgeführt.

 

5.

Die Bestimmung jeder evangelischen Kirche besteht darin, ein Ort zu sein, an dem die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes verkündigt wird – und das im Wort, in Lied und Musik. Luther gibt sogar Lied und Musik den Vorrang vor dem Wort: „davon ich singen und sagen will“.  Die Barmherzigkeit Gottes, oder – wie man auch übersetzen könnte – seine Warmherzigkeit ist in Jesus Christus endgültig sichtbar, ja anfassbar geworden. Die Kantate betont zu Recht, dass Jesus Christus der einzige Mittler zwischen Gott und Mensch ist. Er ist nach dem Neuen Testament der einzigartige Brückenbauer zwischen Himmel und Erde. Seit er auf der Erde gelebt hat, können Menschen im Vertrauen auf ihn wieder unter einem offenen Himmel leben.

Als oberster Bischof der evangelischen Kirche Preußens hat Kaiser Wilhelm II. maßgeblich am Bau der Christuskirche und der Ausgestaltung ihres Inneren Anteil genommen. Ich meine, dass er theologisch richtig entschied, als er darauf bestand, in der Apsis dieser Kirche ein großes Christusmosaik anbringen zu lassen. Es wurde eigens in Berlin angefertigt. Es erinnert alle Besucherinnen und Besucher daran, dass es bei allen Veranstaltungen in der Christuskirche um Jesus Christus gehen soll. Denn an ihm allein – an seiner Geburt, seinem Leiden, seinem Sterben und an seiner Auferstehung – sollte sich der evangelische Glaube orientieren. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, dessen Beginn vor 60 Jahren in diesem Jahr gefeiert wurde, gilt das auch für die römisch-katholische Kirche. Mir ist bewusst, dass diese Forderung mittlerweile innerhalb der evangelischen Kirche alles andere als selbstverständlich ist. An die Stelle des Glaubens an Jesus Christus ist bei einer Reihe von Kirchenmitgliedern zumindest in Deutschland Gleichgültigkeit und Desinteresse an Gott, im besten Fall eine diffuse religiöse Sehnsucht getreten. Die Kantate erinnert daran, dass das Evangelium schon zu Bachs Zeiten umstritten war. Schon damals rief die frohe Botschaft von Jesus Christus Wiederspruch hervor. Darum endet sie mit der Bitte an Gott, die christliche Gemeinde in der ewigen Wahrheit des Evangeliums zu erhalten.

 

Ein abschließender Gedanke: Bemerkenswert ist, dass die Kantate den Erhalt der göttlichen Wahrheit mit dem Gedanken der Freiheit verknüpft. Schon länger gibt mir folgende Beobachtung zu denken: Die Idee der freiheitlichen Demokratie hat vor allem in den Staaten der Erde dauerhaft Wurzeln geschlagen, die durch das Christentum geprägt wurden. Ausnahmen in die eine oder andere Richtung bestätigen auch hier die Regel. Der Glaube an Jesus Christus besitzt die Kraft, von dem trügerischen Vertrauen auf irdische Heilsbringer und falsche Messiasse freizumachen. Er entlarvt die Heilsversprechen der Diktatoren dieser Welt als verführerisch und letztlich das Leben zerstörend. Von daher ist die Christuskirche in Rom, deren Weihe am gestrigen Tag vor genau 100 Jahren wir heute feiern, auch ein Symbol für Freiheit und Menschenwürde: „Erhalt uns in der Wahrheit, gib ewigliche Freiheit, zu preisen deinen Namen, durch Jesus Christus. Amen“

Reformationsfest – Prof. Dr. Zimmerling