Mt 20,1-16a
Liebe Gemeinde!
In meiner schwäbischen Heimat gibt es ein bekanntes protestantisches Andachts-Bild.
Charlotte Reihlen, die Frau eines wohlhabenden Stuttgarter Zuckerfabrikanten hatte es entworfen und 1867 veröffentlicht.

In den frommen Kreisen Württembergs war das Bild bald weit verbreitet.
Es wurde gern zur Hochzeit verschenkt und hing daher in vielen Zimmern. Aber es ist auch weit über Württemberg hinaus bekannt geworden, etwa weil evangelische Missionare es mit in neue Gebiete nahmen.
Das Bild heißt „Der schmale und der breite Weg“. Ich weiß nicht, ob Sie es kennen.

Im Vordergrund dieses Bildes steht eine Mauer mit zwei Pforten.
Die linke Pforte ist weit geöffnet. Hinter ihr führt ein breiter, interessanter Weg nach oben. Er ist reich belebt. Gasthäuser und Spielhöllen säumen den Weg. Am Ende führt er in einen Feuersturm, in dem die Stadt Babylon zusammenstürzt.

Rechts sieht man einen engen, niedrigen Durchlass. Der Weg ist schmal und steil und hat viele Stufen und Windungen; nur einzelne Menschen sind darauf zu sehen. Der Weg schlängelt sich zwischen dem Gekreuzigten und der Kirche hindurch, vorbei an Sonntagsschule, Kinderrettungsanstalt und Diakonissenhaus. Über einem Gebirgspfad leuchtet am Ende das himmlische Jerusalem.

Zwei Wege stehen uns vor Augen. Jeder Betrachter ist unwillkürlich gefragt, welchen Weg er nehmen würde.
Den breiten Weg, zu dem ein großes Schild mit dem Wort „Willkommen“ einlädt, oder die schmale Pforte.
Hier steht das Jesuswort aus dem Matthäusevangelium (7,13f):
Geht hinein durch die enge Pforte.
Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt,
und viele sind’s, die auf ihm hineingehen.
Wie eng ist die Pforte und wie schmal ist der Weg, der zum Leben führt,
und wenige sind’s, die ihn finden!

So klar, so gut: Die Botschaft ist deutlich.
Und uns ist auch klar, was den jungen Menschen damit vermittelt wurde, die dieses Bild täglich in der Schule gesehen haben oder als Brautpaar geschenkt bekamen: Entscheidet euch sofort, wo euer Leben enden soll: In der Hölle oder im Himmel. Entscheidet euch, welchen Weg ihr einschlagen wollt: Ein vergnügliches weltliches Leben oder einen klaren, entsagungsvollen Weg des Glaubens.

Aber so rigide und erbarmungslos, wie uns das scheinen mag, ist das Bild auch nicht. An mehreren Stellen gibt es nämlich Brücken über die tiefe Schlucht, die beide Wege trennt. Es besteht also immer die Chance, vom Weg der Verdammnis auf den richtigen Weg zu wechseln.

Und so haben schon schlaue Jungs in der Schule gesagt:
Am besten ist es doch, so lange wie möglich auf dem breiten, vergnüglichen Weg zu bleiben und alles mitzunehmen, was geht, und dann – ganz zum Schluss – die letzte mögliche Brücke nehmen und dann doch noch sicher im Himmel anzukommen.
Ein Leben voller Spaß und ohne Grenzen und dann kurz vor dem Tod eine Hinwendung zum rettenden Glauben.

Clever ist das! Aber ist das gerecht?
Ist das möglich? Lässt Gott das mit sich machen?

Und jetzt sind wir bei unserem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.
Da arbeiten welche von morgen an, andere von Mittag an, andere kommen erst kurz vor Feierabend dazu: und alle bekommen den gleichen Lohn.
Ist das gerecht?
Da widmen sich manche Menschen von Jugend an ihr Leben dem Reich Gottes, setzten sich für andere ein und halten an ihrem Glauben fest.
Und dann gibt es andere, die leben in Saus und Braus, kümmern sich nicht um den lieben Gott und finden erst kurz vor dem Ende zum Glauben, bitten Gott um Vergebung – und beide werden selig.
Da gehen Jünger und Nachfolgerinnen den ganzen Weg Jesu mit, lassen Haus und Familie zurück, stellen ihr ganzes Leben um.
Und da ist dieser eine Verbrecher, der mit Jesus am Kreuz hängt und im letzten Augenblick sagt „Herr, gedenke meiner, wenn du in mein Reich kommst.“ – Und beide kommen ins Paradies.
Ist das gerecht?
Diese Frage steht im Hintergrund unseres Gleichnisses, und sie stellte sich nicht nur damals den Nachfolgern Jesu; sie stellt sich bis heute.

Kaum ein Gleichnis regt so viel Diskussionen an wie das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. „Das ist doch ungerecht!“ protestieren schon die Schüler in der Grundschule. Und mancher Sozialist erblickte hier eine biblische Grundlage für ein neues Gesellschaftsmodell:
„Gleicher Lohn für alle“ – unabhängig von der Leistung.

Aber Vorsicht, liebe Gemeinde, diese Geschichte Jesus redet vom Reich Gottes, nicht von unserer Politik.
„Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn…“ beginnt unser Gleichnis.
Nicht „Bei euch soll es so sein, dass…“.
Gleichnisse, alle Gleichnisse wollen uns etwas von Gott und seiner Herrschaft entdecken lassen. Ihr Inhalt lädt nicht automatisch zur Nachahmung ein. Die Erzählungen der Gleichnisse sind nicht automatisch Gesellschaftsmodelle und Handlungsanweisungen.
Keiner von uns soll einen Schatz im Acker vergraben.
Kein Sohn soll erst einmal seinem Vater abhauen.
Keine Brautjungfer soll sich weigern, ihr Lampen-Öl zu teilen.
Keine Witwe soll einen Groschen verlieren.
Es will auch keiner von uns ein Schaf sein oder Unkraut unter dem Weizen.
Gleichnisse nehmen menschliches, oft allzu menschliches Leben als Bild dafür, wie Gott handelt.

Gleichnisse wollen uns verstehen lassen, wie Gott ist.
Und wer versteht, wie Gott handelt, der versteht auch, wie man selbst handeln soll, weil man versteht, wer man ist.

Und deshalb will unser Gleichnis vom Weinberg nicht sagen, wie man Arbeitgeber bezahlen soll oder wie lange man sich als Arbeitnehmer einbringen soll, sondern es will sagen, wie Gott mit uns umgeht.
Es will unsere geltenden und tief verankerten Vorstellungen von Gerechtigkeit erschüttern. Drei davon tauchen im Weinberg-Gleichnis auf:

1. Pacta sunt servanda
Verträge müssen eingehalten werden.
Wer hingegen Verträge bricht, handelt ungerecht.
Was der Weinbergbesitzer am Morgen mit den Arbeitern ausmacht, das muss er einhalten. Ein Silbergroschen Lohn wird ausgemacht.
Das war die Vorstellung von Gerechtigkeit, die am frühen Morgen herrschte. Am Abend aber, als der Lohn fällig wird, wird von der Gerechtigkeit etwas ganz anderes erwartet. Als der Besitzer da allen Tagelöhnern denselben – wohlgemerkt vertragsgemäßen! – Lohn auszahlen lässt, entsteht Unruhe. Denn nun bekamen diejenigen, die nur eine Stunde gearbeitet hatten, denselben Lohn wie die, die den ganzen Tag lang geschuftet hatten.
Als diejenigen, die seit dem Morgen gearbeitet hatten, sahen, dass den Arbeitern von einer Stunde, ein Silbergroschen ausbezahlt wurde, hofften sie insgemein darauf, dass sich ihr Lohn entsprechen erhöhen würde.
Das wäre aber gegen den abgeschlossenen Vertrag gewesen!
Dem Besitzer wird zur Last gelegt, dass er sich an seine eigenen Versprechen hält.
Pacta sunt servanda?
Ist das gerecht?

Was am Morgen noch als Gerechtigkeit galt, nämlich das Einhalten von Verträgen, wird abends durch einen anderen Grundsatz ersetzt:
Das wäre der zweite:

2. Es gilt Gleiches für Gleiches
Es gibt gleichen Lohn für die gleiche Leistung.
Das ist auch ein jedermann einleuchtender, allen plausibler Grundsatz.
Es wird nach Leistung bezahlt. Wer doppelt so lange arbeitet, bekommt auch doppelten Lohn. Wer weniger arbeitet, bekommt auch weniger Lohn.
Wo kämen wir denn hin, wenn unabhängig von der Leistung bezahlt würde?
Leistung muss sich lohnen.
Qualität hat ihren Preis.
Für ein gutes Essen im Restaurant zahlen wir gerne auch mehr; aber wenn wir für ein schlechtes Mahl eine horrende Summe bezahlen müssen, ärgern wir uns gewaltig.
Preis und Leistung, Lohn und Leistung müssen sich entsprechen.
Das ist tief in uns verinnerlicht. Und schon kleine Kinder fangen hier früh an, messerscharf zu rechnen und beherrschen die Proportional-Rechnung lange, bevor sie in Mathematik drankommt.
„Wenn mein Bruder das geschenkt bekommt, dann muss ich das bekommen.“
„Wenn meine Schwester mit 9 Jahren bis um 8 Uhr aufbleiben darf, dann darf ich mit 7 Jahren bis…“
„Wenn mein Bruder damals schon bis Mitternacht ausgehen durfte, dann steht mir mindestens zu…“
Wir kennen derlei Überlegungen – auch von uns.
Das Problem ist die Berechnung.
Der Weinbergbesitzer will großzügig sein.
Aber er darf nicht großzügig sein, wenn diese Großzügigkeit nicht unseren Berechnungen entspricht.
Großzügigkeit wird zerstört, wenn Berechnung ins Spiel kommt.

3. Suum cuique
Und dann ist immer wieder betont worden, dass in diesem Gleichnis alle Tagelöhner einen Silbergroschen bekommen. Das ist so viel, wie ein Familienvater brauchte, um seine Angehörigen einen Tag lang zu ernähren.
Es bekamen also alle so viel, wie sie zum Überleben brauchten.
Der Besitzer hatte also – unabhängig von der Arbeitsdauer – die Versorgung, die Fürsorge für die Tagelöhner im Sinne.
Es gilt der dritte Grundsatz der Gerechtigkeit:
Suum cuique: Jedem das Seine.
Ein alter, ein hehrer Grundsatz, den schon die alten Römer forderten.
Die Hohenzollern hatten diesen Grundsatz auf ihren Wappen stehen.
Jedem das Seine: Das ist eine edle, aber auch eine schrecklich missbrauchbare Parole. Die Nazis haben sie auch über den Eingang vom KZ Buchenwald geschrieben:
Jedem das, was ihm zusteht.
Und wir können nur mit Schaudern fragen, was das eigentlich bedeutet:
Was steht denn jedem einzelnen zu?
Das, was seine Rasse ihm verleiht?
Das, was er geleistet hat?
Das, was ihr hübsches Aussehen ihr einbringt, oder ihm sein Talent?
Das, was er braucht?
Es kann uns ganz schwindlig werden, wenn wir diesen Grundsatz zu Ende durchbuchstabieren wollen.
Und es wird kommen gewiss an unsere Grenzen, wenn wir die genannten drei Grundsätze von Gerechtigkeit gegeneinander ausspielen, die unser Weinberggleichnis und unser Leben prägen:
Vertragstreue, „Gleiches für Gleiches“ und „Jedem das Seine“.

Das Gleichnis vom Weinberg zeigt uns, dass unsere üblichen Vorstellungen von Gerechtigkeit auch zu Tode geritten werden können, wenn man sie einzeln absolut setzt.
Das Gleichnis zeigt uns, dass Prinzipienreiterei nicht mit Gerechtigkeit zu verwechseln ist.
Das Gleichnis will uns sagen, dass es am Ende nicht Regeln und Rechnungen sind, die uns retten und die unser ganzes Dasein tragen und halten, sondern der souveräne, liebende Gott.
Unsere nicht selten konkurrierenden menschlichen Gerechtigkeiten schreien nach einer höheren Gerechtigkeit, die – zum Glück! – in seinen Händen liegt.
Seine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und seine Wahrheit so weit die Wolken gehen (Ps 36).

Nicht weil er Fünfe einfach mal gerade sein lässt und weil Güte Gerechtigkeit einfach überspringt.
Nein! Weil Gottes Güte so groß ist, dass er selbst dafür sorgt, dass seine Gerechtigkeit erfüllt wird und unser Versagen und unser Zuspätkommen auf den richtigen Weg des Lebens ausgeglichen.

Das führt uns nun am Schluss zu einem anderen Andachtsbild:
Zum Kreuz, zur Darstellung des Gekreuzigten.
Ist das ästhetisch schön? War das gerecht? Sprengt das nicht unsere geltenden Vorstellungen von Gut und Böse, von verdienter Strafe und vom Triumph des Gerechten?
Das sind Fragen, die wir heute noch bedenken werden.

Diese Erschütterung unseres Gerechtigkeitsgefühls will jedenfalls nicht zerstörerisch sein, sondern überaus heilsam.
Wie Christian Fürchtegott Gellert so unüberbietbar treffend vom Kreuz gedichtet hat:
Es schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder,
es stürzt mich tief und es erhebt mich wieder,
lehrt mich mein Glück,
macht mich aus Gottes Feinde
zu Gottes Freunde. (EG 91,6)
Amen.