Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!

Ich traue darauf, dass du so gnädig bist;

Mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst. Amen.

 

Jesaja 66, 10-14

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt,

alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.

Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach.

Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

 

Liebe Gemeinde,

Freude mitten in schwerer Zeit. Zuversicht in einer kränkelnden Stadt. Hoffnung mitten in der Passionszeit:

Das ist die Botschaft dieses Sonntags Laetare.

In unserer Gemeinde ist es ein besonderer Sonntag, seit Papst Benedikt XVI. ihn von genau zehn Jahren mit uns gefeiert hat und seine unvergessene Predigt über das Tagesevangelium zum Weizenkorn, das in die Erde fällt, gehalten hat.

„Laetare [ist der] Tag, an dem die Hoffnung das Bestimmende ist, die auf das Licht hinschaut, das von der Auferstehung Christi her mitten in die Dunkelheiten unseres Alltags, in die ungelösten Fragen unseres Lebens hereinfällt.“, so Benedikt am 14. März 2010 in der Christuskirche.

Und diesen Blick auf eine gute Zukunft, eine Zukunft, die ihr Licht von Christus her nimmt, den haben wir alle in diesen schweren Tagen bitter nötig. Die Deutung unserer Hoffnung von Christus und seiner Auferstehung her ist eigentlich schon die ganze Predigt dieses Sonntags – gerade in unseren Tagen.

Das Fundament unserer Hoffnung ist nicht, dass es irgendwie und irgendwann wieder besser wird (Tutto andrà bene.).

Das Fundament unserer Hoffnung sind nicht die Maßnahmen der Politiker und die Bemühungen der Mediziner. Diese sind notwendig und sinnvoll und gut. Und deren Einsatz ist in diesen Tagen nicht hoch genug zu loben. Beten wir für sie alle!

Aber das Fundament, die Grundlage unserer Hoffnung, unseres Lebens-Lichtes, liegt nicht in Menschenhänden, sondern im göttlichen Antlitz Jesu Christi.

Hoffnung, die über die biologische Gesundheit, unsere irdischen Lebensjahre und eine zu bewältigende Epidemie hinausgeht, muss ja logischerweise von außerhalb kommen. Und sie kam im Ostergeschehen auch von außerhalb! Hier hat Gott mit Christus eine Tür aufgestoßen, durch die das Licht der Ewigkeit in unsere Tage fällt.

 

Laetare – freue dich! Mitten in der Passionszeit.

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt – so unser Wort aus dem Alten Testament für heute.

Freut euch – allem Leid zum Trotz. Klingt das in diesen Tagen nicht zynisch? Ist das nicht zu viel verlangt? Wohl schon.

Es sei denn, wir schöpfen dabei aus Quellen der Freude, die echt sind, und die außerhalb unseres Gefahrenbereiches liegen.

Es sei denn, wir haben einen Trost, der sicher und verlässlich ist.

Dann können wir der Gefahr und dem Leiden trotzen.

Trost und Trotz gehören zusammen.

„Ohne Trotz wird Trost weinerlich. Ohne Trost wird Trotz verbittert.“ (so mein Heidelberger Lehrer Christian Möller)

Trost und Trotz – beides muss echt sein, gut begründet, sonst ist es frommes Gerede oder menschliche Bockigkeit.

Das erste Argument habe ich schon genannt: Es ist die österliche Verankerung. Unser Trost beruht nicht auf Wünschen, Spekulationen oder Gerede, sondern auf dem persönlichen, geschichtlichen Lebenszeugnis Jesu von Nazareth, dessen Grab in Jerusalem erwiesener Maßen leer ist und von dem mehrere Menschen unmittelbar nach seinem Tod glaubhaft bezeugt haben, dass er ihnen als Auferstandenen erschienen sei.

Trost entstand bei den Jüngern Jesu nicht dadurch, dass sie mit eigener Kraft Jesu Tod verhindert hätten, dass sie psychologisch beraten wurden, oder dass sie durch die eigene Vernunft mit dem Verlust fertig wurden.

Trost entstand völlig überraschend durch das Eingreifen Gottes. Trost war ein Geschenk Gottes! Er war nicht selbstgemacht. Er kam von außen.

 

Das zweite Argument für die Verlässlichkeit des göttlichen Trostes finden wir in unseren Worten aus dem Jesajabuch.

Trost muss etwas Neues bringen. Wer den anderen tröstest, muss ihm etwas Neues sagen, muss ihm eine neue Perspektive aufzeigen, die er bisher nicht sah. In der Psychologie spricht man vom „Re-framing“: Die Situation wird in einen neuen Rahmen gestellt.

Die Worte des Propheten konfrontieren seine Hörer durchaus mit etwas Neuem: Einem neuen, bis dahin ungewöhnlichen Gottesbild.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Jenseits aller festgelegten Gottesbilder, jenseits aller Erfahrung eines fernen Gottes wird Gott hier als nahe, zärtliche Mutter beschrieben.

Die theologische Pointe liegt meines Erachtens weniger darin, dass hier weibliche Bilder auf eine sonst eher männlich vorgestellte Gottheit angewandt werden (die Antike war voll von weiblichen und mütterlichen Gottheiten), sondern darin, dass der ferne, heilige, ewige Gott Israels in einer Nähe beschrieben wird, wie man sie so noch nie gehört hatte.

Gott tröstet sein Volk nicht nur – das kann ein guter Vater hoffentlich auch!

Gott legt sein Volk an die Mutterbrust.

„Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.“

Auf dem Arm der Mutter gestillt zu werden, das ist der Inbegriff aller tief in uns erinnerten Geborgenheit. Und diese will Gott uns bieten.

„Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.“

Die Bilder sind ja so intim, dass wir uns fast scheuen, sie uns vorzustellen.

Aber der Gott Israels lässt sich so darstellen: Wie eine Mutter, die ihr Kind an ihre Brust legt. Und das Kind bekommt nicht nur Nahrung, sondern mit der Nähe auch Wärme, Liebe und Sicherheit.

Diese menschliche Grunderfahrung wird zum Bild für Gottes Trost, der sich genauso den Elenden und Verzweifelten zuwendet.

Die Bilder des am Kreuz blutenden Jesus sind eigentlich auch viel zu drastisch und zu indiskret, um sie ohne Scham und Scheu anzuschauen.

Gott ist sich nicht zu schade, so dargestellt zu werden. Und in der Passion Jesu geht es nicht mehr nur um ein sprachliches Bild. Jesus ist das tatsächliche Abbild des Vaters in Raum und Zeit.

Das Prophetenwort von Gott als stillender Mutter und Jesu tatsächlich sichtbares Leiden zeigen uns beide:

Gott kommt uns Menschen nah – unverschämt nah.

Und nur in dieser Nähe kann er uns wirklich trösten. Mitten in unserem persönlichen Schlamassel, mitten unter infizierten Menschen in einer abgeschotteten Stadt.

Mit echtem Trost ist es wie mit Rettung in einer Epidemie.

Das Heilmittel muss von außen kommen, aus dem Bereich der Nichtinfizierten.

Und das Heilmittel muss den Betroffenen nahekommen. Wenn sie es nur in der Ferne sehen, werden sie nicht gesund.

Unser Gott bietet uns in Christus beides.

Und das ist unauslöschlicher Grund zur Freude.

In der Passionszeit. In der Epidemie. Nach der Epidemie. Und in der letzten Stunde. Amen.

 

 

FÜRBITTEN

Herr, allmächtiger und barmherziger Gott.

Dein Sohn hat sich als Weizenkorn für den wahren Hunger der Erde gegeben.

Wir danken dir dafür und bitten dich:

Lass uns von ihm nehmen und zehren und leben.

Wenn wir an die Hungernden denken,

dann können wir nicht einfach sagen:

wir danken dir,

dass wir satt zu essen haben.

Wir wissen, dass wir unverdient gut leben.

Wir wissen auch,

dass wir auf Kosten anderer leben.

Lass uns dieses Wissen nicht verdrängen.

Lass uns nicht abstumpfen in unserem Überfluss.

Lass uns nicht resignieren,

weil unsere Hilfsmöglichkeiten begrenzt sind.

 

Wir bitten dich für die Hungernden in der ganzen Welt,

für die, deren Leben heute ohne Hoffnung beginnt,

für die, deren Leben heute ohne Glück zu Ende geht,

für alle, die nicht wissen,

was sie heute essen sollen.

Wir, die Satten,

denken jetzt einen Augenblick lang

an diese Menschen.

Wir wissen, dass unser Gebet sie nicht satt macht.

 

In einer gnadenlosen Welt befehlen wir alle Kranken

deiner unendlichen und unergründlichen Gnade.

Weil wir auf deine Gnade hoffen,

bitten wir um Weisheit und Entschlossenheit

für Politiker und Wirtschaftsleute,

dass sie eine tragfähige Lösung der Pandemie entwickeln.

Weil wir auf deine Gnade hoffen,

bitten wir um Erbarmen

mit unserer Hartherzigkeit

und um jene Liebe,

die für eine gerechte Verteilung

aller Lebensgüter eintritt.

Von deiner Liebe leben wir.

Nach deiner Gerechtigkeit verlangen wir.

Auf dein Reich hoffen wir.

 

Und im Namen unseres Herrn Jesus Christus und mit seinen Worten beten wir um das Kommen deines Reiches:

Vater unser ….