Liebe Schwestern und Brüder, ich grüße Sie und Euch mit dem Spruch für das heutige Trinitatisfest: „Die
Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit
euch allen!“ (2. Korinther 13,13; neuer Wochenspruch seit 2018).
Dieser Spruch eignet sich wunderbar für einen Gruß. Was kann man mehr wünschen als die Gnade Christi,
Gottes Liebe und Gemeinschaft seines Geistes?!
Lasst uns in der Stille um Gottes Segen für die Predigt beten.
Der heutige Sonntagmorgen entführt uns in ein Nachtgespräch, liebe Schwestern und Brüder. Ein Rabbi
kommt zu Jesus. Nikodemus heißt er. Er will mit Jesus aus Nazareth über Glaubensfragen sprechen.
Nikodemus ist nicht irgendein Rabbi. Er hat eine theologischen Lehrstuhl inne und gilt als Experte für Fragen des Glaubens und der Religion. In dieser Rolle outet man sich nicht unbedingt als jemand, der etwas
noch nicht verstanden hat und den Fragen umtreiben. Trotzdem sucht Nikodemus mit Jesus das Gespräch.
Das macht ihn mir sympathisch! Er fragt, was ihn bewegt.
Nikodemus spricht Jesus sogar als ebenbürtigen Gesprächspartner an: „Rabbi, Lehrer“ (Luther: „Meister“)
sagt er zu ihn. Dabei ist Jesus kein Studierter. Er ist von seiner Herkunft her nicht wissenschaftlich gebildet,
sondern stammt aus dem Handwerk und zieht als Wanderprediger durch die Lande. Noch dazu kommt er aus
Nazareth – kann von dort etwas Gutes kommen (vgl. Johannes 1,46)?
Nikodemus ist mutig und sucht dennoch das Gespräch. Vielleicht kommt er deshalb in der Nacht, um unbemerkt von der Öffentlichkeit reden zu können, damit es nicht peinlich gegenüber anderen wirke. Wahrscheinlicher scheint mir aber, dass er die erholsame Abkühlung der Abendstunden nutzt – im Mittelmeerraum eine
typische Gesprächszeit unter Palmen oder auf Dachterrassen, was Ihr in Rom wohl am besten nachvollziehen
könnt.
Den Dialog zwischen beiden, den wir in der Lesung des Evangeliums gehört haben, lese ich noch einmal
(Johannes 3):
Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu
Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn
niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm:
Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes
nicht sehen.
Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder
in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus
dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.
Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo
er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein
jeder, der aus dem Geist geboren ist.
1 / 4Diese Begegnung kehrt unsere heutigen Verhältnisse regelrecht um, liebe Schwestern und Brüder. Viele
Menschen scheinen heute – so zumindest nach meiner Wahrnehmung – einen großen Abstand zu empfinden
zwischen sich und Jesus bzw. zwischen sich und den religiösen Experten. Was hat Jesus mit mir zu tun? Was
haben die Lehren der Kirche mit mir zu tun? Das Glaubenssystem meinen viele, nicht verstehen zu können
und es letztlich auch nicht zu brauchen.
Jesus, dieser Mensch von damals, soll „Gottes eingeborener Sohn“ sein, „empfangen durch den Heiligen
Geist, geboren von der Jungfrau Maria“? „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“? Ganzer Mensch und ganzer Gott zugleich? Noch
dazu eine Person aus der göttlichen Dreifaltigkeit: eine von drei Personen Gottes, der doch nur ein Gott und
nicht drei Götter ist? Wie soll das gehen? Kann man das verstehen? Braucht man das überhaupt?
In der Regel entscheiden sich viele Menschen innerhalb und außerhalb der christlichen Kirchen, Jesus nicht
von den Lehren und Dogmen her zu verstehen, sondern ihn als einen Menschheitslehrer zu sehen, als Figur
der Weisheit, als einen Propheten, wohlmöglich zeit- und religionsübergreifend, als einen Protagonisten der
Nächstenliebe mit hohen Werten und guten Tagen. Aber auch das dürfte den großen Abstand nicht geringer
machen: Jesus als der große Meister der Ethik – an den komme ich auch nicht ran.
Ich unterrichte seit letztem Jahr Praktische Theologie an der Fachhochschule der Diakonie in Bethel. Dort
diskutiere ich mit den Studentinnen und Studenten zum Beispiel die Bedeutung der christlichen Spiritualität.
Dabei fällt mir auf, dass alle – durchweg jede und jeder – Spiritualität als etwas zutiefst persönliches versteht. Spiritualität ist für die Studentinnen und Studenten etwas, dass jeder selbst entwickelt. In der Regel
wird gesagt: Für die eigene Spiritualität brauche man keine Dogmen und Lehren. Man brauche dafür auch
keine überlieferten Formen und Rituale, denn diese seien Traditionen der Kirche und die Kirche habe mit
dem individuellen Leben nichts zu tun. Konkret bedeutet das: Der Abstand ist zu groß zwischen den religiösen Experten und den „normalen“ Menschen.
Die Begegnung zwischen Nikodemus und Jesus sieht anders aus. Jesus gilt nicht als der Experte. Der Experte kommt zu ihm, weil er seine Fragen an ihn hat. Das zeigt uns, dass jede und jeder mit seinen bzw. ihren
Fragen zu Jesus kommen kann. Jesus hat das offene Ohr. Es gibt keinen Abstand, als ob Jesus weit über uns
stünde – im Gegenteil: er ist ein ganz normaler Mensch. Es gibt keine dummen Fragen, auch keine randständigen oder peinlichen. Das finde ich sympathisch an Nikodemus, dass er Jesus einfach anspricht.
Liebe Schwestern und Brüder, dieser Nikodemus möchte wissen, was es eigentlich mit Jesus auf sich hat.
„Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du
tust, es sei denn Gott mit ihm.“
Nikodemus hat sicherlich von den Heilungen erfahren, die Menschen durch Jesus von Nazareth erlebt haben.
Kranke sind bei Jesus gesund geworden. In damaligen Zeiten war eine Heilung mehr als ein Spektakel. Sie
bedeutete die Reintegration in das Leben! Wer damals schwer krank war, hatte keine Chancen, weder auf
Gesundheit, noch auf Versorgung, noch auf Anerkennung in seinem Umfeld. Jesus erkannte die Würde dieser
Menschen. Er gab ihnen ihren Platz in der Gesellschaft zurück. Nach der Erzählung des Johannesevangeliums hatte er als sein allererstes Zeichen sogar einem Hochzeitspaar geholfen, seine Anerkennung nicht zu
verlieren. Als nämlich bei der Hochzeitsfeier der Wein ausgegangen war, hatte Jesus für Nachschub gesorgt,
obwohl nur Wasser vorhanden gewesen war.
2 / 4Nikodemus will mehr darüber wissen. Bei Jesus scheint es etwas zu geben, was er noch nicht kennt, ein verborgenes Wissen oder eine besondere Kraft. Was befähigt Jesus zu den Zeichen, die er tut? Bei diesen Zeichen muss Gott mit ihm sein. Ist er vielleicht der Erwartete, der Messias Israels?
Auf diese nächtliche Frage antwortet Jesus: „Amen, so ist es, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem
geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen“. Im Klartext: Die Frage nach dem, was dahinter
steht, kann nur beantworten, wer von Neuem geboren ist. Auch die Frage, ob Jesus der Messias ist, kann nur
beantworten, wer von Neuem geboren ist.
Ich stelle mir vor, wie Nikodemus fassungslos dasteht. Hier gibt es kein besonderes Wissen, nur eine irrationale Antwort. Es kann doch niemand in seiner Mutter Leib zurückkehren und noch einmal geboren werden.
Mit seiner Reaktion hat Nikodemus völlig recht und wir merken dies selbst, wenn wir – trotz Gesundheitsfürsorge und Antiaging – jedes Jahr um ein Jahr älter werden. Es gibt kein zurück. Und so hat auch die neue
Geburt, von der Jesus sprach, gerade nicht mit biologischen Vorgängen zu tun. Geboren zu werden aus Wasser und Geist liegt auf einer anderen Ebene.
Liebe Schwestern und Brüder, beim Stichwort, „von Neuem geboren zu werden“, erinnere ich mich an wunderbare Aufenthalte am Lago di Bracciano, am Lido di Terracina oder den Stränden von Maccarese. Wenn
ich dort im Wasser baden war, fühlte ich mich hinterher wie neu geboren.
Deshalb gehört zur Taufe das Element des Wassers. Ursprünglich war das Ritual auch so gestaltet, das Wasser zu spüren: Die Täuflinge bekannten sich öffentlich zu Jesus Christus. Sie wandten sich von ihrem alten
Leben ab. Dann stiegen sie in das Becken und wurden untergetaucht. Ganz unter Wasser spürten sie, was es
heißt, zu sterben und begraben zu werden – und auferweckt zu werden: gereinigt zu einem neuen Leben.
Auch wenn die Symbolik heutiger Taufhandlungen weniger dramatisch inszeniert wird: Fließendes Wasser
über dem Kopf ist das Symbol der Reinigung und bewirkt eine Erfahrung des Neugeborenwerdens.
Doch die Taufe ist nicht nur Wasser, sie ist auch mehr als ein Symbol und eine Erfahrung. Zur neuen Geburt
braucht es zum Wasser auch den Geist Gottes. „Denn“, so Martin Luther im Kleinen Katechismus, „ohne
Gottes Wort ist das Wasser schlicht Wasser und keine Taufe; aber mit dem Worte Gottes ist’s eine Taufe, das
ist ein gnadenreiches Wasser des Lebens und ein Bad der neuen Geburt im Heiligen Geist“.
Und weiter fragte Luther im Kleinen Katechismus: „Was bedeutet denn solch Wassertaufen?“ Antwort: „Es
bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden […] und wiederum
täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe“.
Liebe Schwestern und Brüder, was es bedeutet, von Neuem geboren zu werden, mag ein Geheimnis sein.
Aber es ist kein Rätsel. „Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und
wohin er fährt.“ Getauft zu sein bedeutet, täglich neu anzufangen, täglich dem Geist Gottes zu folgen, im
Bilde gesprochen: die Segel meines Bootes nach diesem Wind auszurichten und mich von ihm wieder ins
Fahrwasser bringen zu lassen. Das geht nur an jedem Tag auf’s Neue. Jede und jeder von uns weiß, wie nötig
es ist, sich täglich neu ins Fahrwasser des Glaubens bringen zu lassen – zumindest vermute ich das, wenn ich
von mir ausgehe. Neu geboren zu werden aus Wasser und Geist bedeutet, täglich aus der Taufe zu kommen,
sich neu auszurichten und neu anzufangen.
3 / 4Am Trinitatissonntag feiern wir das Geheimnis der Dreieinigkeit und Dreifaltigkeit Gottes. Gott der Vater
schenkt sich uns in seinem Sohn und verbindet uns mit ihm durch seinen Geist. Das ist wie eine neue Geburt,
ein neu belebtes Leben. Hier sind wir am Geheimnis dran, im Geheimnis mittendrin. Es ist eine Gegenwart,
die sich uns öffnet und der wir uns aussetzen dürfen. Wir ergründen das Geheimnis nicht, aber es öffnet sich
uns. Wir nähern uns an und beten an. Denn der Heilige Geist gibt uns das neue Leben Gottes.
Sowohl für das Gebet als auch für die Tat braucht es den Wind Gottes, den Heiligen Geist. Durch ihn geschieht die Umkehrung und Erneuerung des ganzen Lebens: nicht nur im Herzen, sondern auch im äußeren
Verhalten, in der Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen und er ganzen Natur. Der Hamburger
Theologe Fulbert Steffensky, vor seiner Konversion zur evangelischen Kirche ein römischer Katholik und
Benediktinermönch, hat mehrfach den Verlust der Anbetung Gottes insbesondere in der evangelischen Kirche kritisiert. Ich zitiere ihn:
„Anbetung ist ein Fremdwort geworden in unserer Theologie und in unserer Frömmigkeitspraxis. Ich
vermute, dass die Skrupellosigkeit, mit der wir mit der außermenschlichen Natur umgehen – mit dem
Wasser, der Atemluft unserer Kinder und Enkel, mit den Bäumen und mit den Tieren – etwas zu tun hat
mit dem Verlust des Wortes Anbetung und mit der Sache, die damit gemeint ist. Je mehr wir Gott verlieren, um so mehr werden wir uns selber Objekte der Anbetung.
Sind unsere Kirchen Räume der Anbetung? Atmen unsere Gottesdienste den Geist der Anbetung? Anbetung soll kein Kastrationsbegriff werden, durch den alles andere in der Kirche verboten oder gedämpft
wird. Ich will, dass unsere Kirchenräume Räume der Freiheit, der Revolte, des Witzes, der Schönheit
werden, aber eben auch Räume der Anbetung.“1
Vor drei Jahren, liebe Schwestern und Brüder, habe ich ebenfalls am Trinitatisfest hier in unserer Kirche gepredigt. Damals hatten wir einen wunderbaren Chor-Workshop mit Liedern Paul Gerhardts. Natürlich war
auch das Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit“ (EG 503) dabei. In der
14. Strophe heißt es:
Mach in mir deinem Geiste Raum,
daß ich dir werd ein guter Baum,
und laß mich Wurzel treiben.
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.
Das schenke uns der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in
Christus Jesus, unserem Herrn.
Prof. Dr. Markus Schmidt, Bielefeld-Bethel,
Pfarrer im Ehrenamt
Steffensky, Fulbert, Der Seele Raum geben – Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung, in: Kirchenamt der EKD 1
(Hg.), Der Seele Raum geben – Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung. Texte zum Sachthema der 1. Tagung
der 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland 22. bis 25. Mai 2003, Leipzig, Hannover 2003, 5–16, hier 15.

Trinitatis – Prof. Dr. Markus Schmidt