Liebe Gemeinde,

 

er nervt. Der Rosenverkäufer in den römischen Altstadtgassen, der einem nicht von der Seite weicht, so lange, bis sich vielleicht doch einmal jemand erbarmt und das Portemonnaie zückt – womöglich weniger um der schönen Blumen als um der eigenen Ruhe willen.

 

Es nervt. Das Kind an der Supermarktkasse, das so lange quengelt und sich auf den Boden wirft, bis sich die Eltern vielleicht doch erweichen lassen und die Süßigkeit mit auf’s Band legen – sei’s drum, um des lieben Friedens willen.

 

Auch die eine Freundin, die sich immer nur dann meldet, wenn sie wieder einmal irgendetwas braucht und die mir dann Mitleid heischend so lange in den Ohren liegt, bis ich wieder einmal nicht ablehnen kann – sie nervt, auch wenn sie es wahrlich nicht einfach hat im Leben.

 

Und ganz offen gestanden: Es nerven auch die unermüdlichen Weltverbesserer, die Mahnerinnen und die Aktivisten. Die nicht schweigen und ihre Stimme laut werden lassen für das Gute und Gerechte. Die immer wieder den Finger in die Wunde legen genau dort, wo es unbequem wird.

Auf den Straßen und Plätzen, im politischen Diskurs, in privaten Gesprächen im Freundeskreis.

Für das Klima. Für den Frieden und mehr Gleichberechtigung. Gegen das Wegschauen.

Diese Leute sind ein Dorn im Auge derer, die ganz gerne ihre Ruhe hätten und einfach weitermachen wollen wie bisher.

Und sie zeigen uns allen, was wir eigentlich selbst mehr tun sollten, wenn wir denn die Kraft und den Mut dazu aufbrächten. Auch deshalb nerven sie.

Denn es stimmt nicht, dass man ohnehin nichts machen kann. Vielleicht wird sich das Blatt doch irgendwann einmal wenden. Insgeheim wissen wir das und wir sehen es immer wieder an denen, die beharrlich an etwas drangeblieben und für ihre Überzeugungen eingestanden sind.

 

Darauf hinweisen, wo es am Guten und Gerechten mangelt. Beharrlich dran bleiben, wo wir Ungerechtigkeiten sehen. Jesus hat einmal eine Geschichte erzählt, die ich als Ermutigung dazu verstehe. Als eine Ermutigung zum Dranbleiben, zur Unbequemlichkeit, zu einem hartnäckigen „anderen auf die Nerven fallen“. Ich lese aus dem Lukasevangelium:

 

Er sagte ihnen aber ein Gleichnis davon, dass man allezeit beten und nicht nachlassen sollte, und sprach:

Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen.

Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam immer wieder zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!

Und er wollte lange nicht.

Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.

Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt!

Sollte aber Gott nicht Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten?

Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.

Doch wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?

 

Wenn du dranbleibst und einen langen Atem beweist, kannst du etwas erreichen. Das lernen Kinder nicht nur an der Supermarktkasse, sondern auch im Zuge pädagogisch wertvollerer Maßnahmen. Im Sport zum Beispiel, beim Erlernen eines Instruments, beim Lösen von Mathematikaufgaben.

Die Fähigkeit, an etwas dranbleiben zu können, ist essenziell auch für eine spätere berufliche Karriere, ebenso wie für gelingende private Beziehungen.

Dabei stellen sich Erfolge freilich nicht immer wie von selbst und unmittelbar ein – und bisweilen bleiben sie auch ganz aus. Und doch: ohne einen langen Atem funktioniert es nur in den wenigsten Fällen.

 

Die Witwe im Gleichnis behält den langen Atem. Sie pocht auf ihr Recht bei dem, dessen Aufgabe es ist, das Recht durchzusetzen. Sie hat keine andere Wahl, auch als sie merkt, dass sie mit all ihrem Reden und Bitten und Argumentieren auf taube Ohren stößt.

Manchmal hilft es nichts, an die Vernunft, an die Verantwortung und den gesunden Menschenverstand zu appellieren. Denn manchmal müssen wir damit rechnen, dass wir es schlichtweg nicht mit vernünftigen, verantwortlichen und verständigen Menschen zu tun haben.

Manchmal hilft nur bohrende Beharrlichkeit, bis sich das Gegenüber schließlich doch erweichen lässt und nachgibt. Nicht aus Einsicht, sondern vielleicht eher aus Ermüdung und aus Eigennutz. Wie der ungerechte Richter, der am Ende mitnichten ein besserer und moralischer Mensch wird, der aber in seiner Ungerechtigkeit doch das Rechte tut.

Ich weiß nicht, ob das eine Hoffnung sein kann im Umgang mit den Kriegstreibern dieser Tage, bei denen alle Vernunftappelle und alle Hoffnungen auf ihre Ehrfurcht vor Gott und den Menschen schon längst an ihre Grenzen gestoßen sind.

Ich hoffe und bete jedenfalls inständig, dass die Vernünftigen, Gerechten und Friedfertigen den längeren Atem behalten werden.

Haben wir also keine Angst, anderen auf die Nerven zu fallen, wenn wir uns für das Richtige und Gerechte einsetzen.

 

Haben wir schließlich auch keine Scheu, Gott mit unseren Forderungen nach Gerechtigkeit in den Ohren zu liegen. Ihm können wir getrost auf die Nerven fallen – ganz wie Kinder an der Supermarktkasse –, ohne dass er jemals genervt wäre von unseren Bitten und Klagen. Ganz im Unterschied zu Menschen.

Im Unterschied zu Menschen greift Gott sodann auch nicht ein, weil er das Bitten und Klagen irgendwann nicht mehr ertragen könnte, sondern weil er selbst vollkommen gerecht ist.

Wenn also schon so manch ungerechter Mensch sich aus schlichtem Überdruss erweichen lässt – um wieviel mehr dann nicht Gott, der seiner Welt und uns Menschen niemals überdrüssig wird?

 

Doch gerade wer sich auf Gott verlässt, wartet nicht weniger lange und sehnsüchtig darauf, dass sich die Gerechtigkeit doch endlich durchsetzen möge. Im Gleichnis wird dies nicht verschwiegen. Selbst wer Tag und Nacht zu Gott ruft – und ich weiß nicht, wie viele Menschen wirklich und ernsthaft von sich behaupten können, dass sie das tun – muss manchmal bis ans Ende der Tage ausharren, bis sich das, worum er bittet, auch umfassend einstellt.

Da braucht es wahrlich Kraft und einen langen Atem. Glauben heißt auch Durchhalten. Allen Widrigkeiten und Enttäuschungen zum Trotz unerschütterlich auf Gottes Gerechtigkeit hoffen, die diese Welt übersteigt. Hoffen darauf, dass der gerechte Richter schlechthin Recht sprechen und alles Unrecht beseitigen wird.

Jubeln sollen die Bäume des Waldes vor dem Herrn, denn er kommt, um die Erde zu richten“ (1. Chr. 16,33). Gottes Gericht als Hoffnungsperspektive für die ganze Erde.

Dennoch: Die Ewigkeit ist etwas Unvorstellbares und höchstwahrscheinlich auch unvorstellbar weit weg. Bis sie eintrifft, gäbe genug menschliche Gründe, nicht an Gott festzuhalten.

Das deutet Jesus an, wenn er seine Erzählung mit einer Frage beendet: „Wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?

 

Aus eigener Kraft kann kein Mensch glauben, kann niemand sich dauerhaft engagieren, mahnen und für Gerechtigkeit kämpfen.

Aus eigener Kraft kann niemand Tag und Nacht an Gott festhalten, durchhalten, ihn beständig anrufen in der eigenen Not.

Es ist Gott selbst, der mit dem Glauben auch das Vermögen schenkt, durchzuhalten, wenn alles andere dagegen spricht.

Bitten wir Gott um die Fähigkeit, dranzubleiben und durchzuhalten im Glauben, im Gebet und in unserem Handeln. Tun wir es auch am Ende dieser Predigt mit einem vertrauten Bibelwort:

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres – Pfr.in Bayha