Johannes 8,3-11

[Aber] die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu Jesus:

Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?

Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen:

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.

Jesus aber richtete sich auf und fragte sie:

Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

 

 

Liebe Gemeinde,

manchmal gehen wir nicht gern zu einem Treffen

und dann, wenn wir dort waren,

sind wir doch froh, dass wir hingegangen sind.

Sie kennen sie alle, diese Veranstaltungen, zu denen man sich nur mühsam aufmacht, weil man sich verpflichtet fühlt: Familientreffen, Klassentreffen oder offizielle Empfänge.

Und es gibt diese Unternehmungen, zu denen man eigentlich keine rechte Lust hat, weil man abends viel zu müde ist.

Aber dann lässt man sich überreden, doch mitzugehen – und der Abend wird, ganz anders als wir erwartet haben, zu einem sehr schönen Erlebnis. Ja, Sie werden mir recht geben, meistens sind gerade die Feste die schönsten, von denen man es gar nicht erwartet hat.

Für mich als Pfarrer gibt es in dieser Stadt und ihren Kirchen ja eine Menge offizieller Termine und öffentlicher Veranstaltungen. Und da geht es mir oft so, dass ich mich zu einem Termin hin quäle, weil es sich eben gehört, dorthin zu gehen.

Aber dann, wenn der Termin und die Kontakte interessant und inspirierend waren, dann freue ich mich, dass ich dort war. Meine Stimmung nach der Veranstaltung ist eine ganz andere als die vorher.

Unsere Begegnungen sind eben unabsehbar. Wir können oft gar nicht wissen, was uns begegnet und was dann mit uns passiert.

Eine solche unabsehbare Begegnung hat diese Frau gehabt, von der wir im Evangelium gehört haben.

Und in diesem Fall ist es ja nicht nur so, dass diese Frau nicht so recht wusste, was sie erwartet, dass die Unlust sie hinderte, das Haus zu verlassen.

Nein, diese Frau wird ganz gegen ihren Willen zu einer Begegnung hin gezerrt. In ihr wird sich alles gesträubt haben.

In der Nacht war sie beim Ehebruch erwischt worden und am frühen Morgen wird sie zu Jesus gebracht.

Ob sie ihn überhaupt kennt, wird uns nicht verraten. Auf alle Fälle wird sie nicht viel von ihm erwartet haben, denn die Meinung ihrer Begleiter lässt ja keinen Zweifel mehr: Auf Ehebruch steht die Todesstrafe.

Es ist ja noch eine Steigerung der Demütigung, wenn sie in aller Öffentlichkeit noch vor den bekannten Prediger aus Nazareth gezerrt wird.

Aber diese Begegnung, diese böse, zynische Veranstaltung, dieser Kontakt wird für sie ganz anders werden als erwartet. Ja, ich würde sagen, es wird die beste und schönste Begegnung in ihrem ganzen Leben werden. Ganz gegen alle Erwartung!

 

Und über diese wunderbare Veranstaltung, die sich da auf dem Tempelvorplatz im Morgengrauen ereignet hat, wollen wir heute nachdenken. Und wir wollen uns genau die Konstellation und die Bewegungen der Menschen dort anschauen.

Denn Worte fallen in diesem Abschnitt der heiligen Schrift ja wenige, und das ist auffällig. Die meisten Worte machen noch die Pharisäer, die mit großem Eifer berichten, was die Frau falsch gemacht hat.

Die Ehebrecherin selbst sagt fast nichts, nur zwei Worte.

Und selbst Jesus zeigt sich bei dieser Begegnung ausgesprochen wortkarg.  Sechzehn mal jedoch ist in diesem Abschnitt von Bewegungen die Rede und dies sicher nicht ohne Bedeutung.

Ich bin mir sicher, wir können diesen Text entschlüsseln, wenn wir auf die Bewegungen und Gesten achten.

Ja, ich würde sogar behaupten, wir können diese Begebenheit nur dann richtig verstehen, wenn wir die Stellung der Personen und ihre Haltung ernstnehmen.

Der Satz „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ gehört zu den meistzitierten Sätzen Jesu. Er wird von vielen, vielen Menschen in der Literatur und in der Gegenwart verwendet, aber die meisten dieser Menschen wissen weder, dass dieser Satz von Jesus stammt, noch, wer Jesus überhaupt ist. Und wenn man diesen Satz dann nur benutzt, um festzustellen, dass wir sowieso alle Sünder sind und dass man unsere Verfehlungen eben nicht so ernst nehmen darf, dann ist der ganze Sinn dieses Bibelabschnitts nämlich dahin. Es geht hier nämlich nicht um eine Verharmlosung der Sünde und der Fehler, die Menschen begehen. „Es ist ja alles nicht so schlimm, denn jeder hat ja irgendwie Dreck am Stecken.“

Es geht nicht darum, dass der Unterschied zwischen verschiedenen Verfehlungen eingeebnet wird. Ein Mord bleibt ein Mord und ist etwas anderes als eine Lüge. Und ein Ehebruch bleibt ein Ehebruch und ist etwas anderes als ein Diebstahl. Und unser Strafrecht tut gut daran, dass hier unterschieden wird.

 

Eigentlich geht es hier genau genommen nicht um Ehebruch.

Es geht um den Einflussbereich, in dem ein Mensch steht.

Und es geht um die Frage, was passiert, wenn jemand in den Einflussbereich Jesu hineingerät. Denn da verschieben sich die Dinge.

Die Ehebrecherin steht am Anfang völlig im Einflussbereich der Welt.

Sie scheint völlig in den Einfluss der Männerwelt geraten zu sein. Erst lässt sie sich von einem Mann so gefangen nehmen, dass sie mit ihm Ehebruch begeht – wie viel sie hier die Initiative hatte, und was die genaueren Umstände waren, muss offen bleiben.

Und dann ist sie völlig der Männergruppe ausgeliefert, die ihr Urteil spricht. Sie hat Ehebruch begangen, das Urteil steht fest. Keine Rechtfertigung keine Gnade, das Urteil der Gesellschaft steht fest.

 

Und jetzt gerät die Frau in den Einflussbereich Jesu.

Ganz unerwartet und ganz gegen ihren Willen.

Und hier passiert etwas, was auch die Pharisäer nicht im Sinn hatten.

Sie erwarteten von Jesus ja keine Veränderung, sondern wollten ihm bei diesem Fall quasi als Nebeneffekt noch eine Falle stellen. Aber damit haben sie Jesus gewaltig unterschätzt. Denn er ist niemals ein Nebeneffekt für ein Menschenleben. Und so geraten auch die Pharisäer ganz unerwartet in eine neue Lage.

 

Was passiert nun im Einflussbereich Jesu?

Zunächst: Die Sünde wird ernstgenommen. Jesus verharmlost mit keinem Wort das, was passiert ist. Er widerspricht nicht dem Zitat der Pharisäer aus dem Gesetz, das von Mose überliefert ist. Jesus schreibt auf den Boden. Dieser sonderbare Vorgang ist eine Zeichenhandlung, die die Pharisäer damals wohl verstanden haben. Wir erfahren in Jeremia 17, was es damit auf sich hat. Dort heißt es:

Die Abtrünnigen müssen auf die Erde geschrieben werden, denn sie verlassen den Herrn, die Quelle lebendigen Wassers. (Jer 17,13)

Jesus macht vor den Augen den Pharisäer klar, dass die Sünde, oder wie es bei Jeremia heißt, die Abtrünnigkeit feststeht. Daran wird nicht gezweifelt. Die Abtrünnigkeit der Frau bildet ganz deutlich den Boden der Tatsachen. Dass hier von Jesus nichts verharmlost wird, sehen wir ja auch am Ende. Da sagt er zu der Frau: Sündige hinfort nicht mehr!

Was du gemacht hast, war falsch, das hat Gottes Willen nicht entsprochen.

Die Sünde der Frau wird ernstgenommen.

Aber nur diese eine jetzt gerade im Mittelpunkt stehende Sünde dieser Frau?

Wenn Jesus auf den Boden schreibt, dann werden damit aber alle angeklagt. Diese prophetische Zeichenhandlung bezieht sich ja nicht nur auf den Ehebruch, sondern sie meint alle Abtrünnigen. Jesus klagt mit seinen Zeichen auf dem Boden alle an.

Die Sünde aller Menschen wird ernstgenommen.

Der Kirchenvater Hieronymus hat zu dieser Stelle sogar gesagt, dass Jesus die Sünden der ganzen Welt, also auch schon unsere auf die Erde geschrieben hat. Und was ist das anderes als die Feststellung, dass vor Gott keiner bestehen könnte?

Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Sie sind allesamt abgewichen und allesamt verdorben. So Römer 3.

Diese schmerzhafte Wahrheit ist das erste, was klar wird, wenn Menschen in den Einflussbereich Jesu kommen. Da wird klar, wie verloren man eigentlich ist.

 

Aber dabei bleibt es nicht. Jesus bückt sich nicht nur und schreibt auf den Boden. Er richtet sich auch zweimal auf. Und das ist ein genauso aussagekräftiges Zeichen.

Wenn Jesus sich hier aufrichtet, dann wird in der tief symbolischen Sprache des Evangeliums hier gleichsam das Kreuz aufgerichtet. Hier spricht nicht irgendein Gesetzeslehrer, sondern der Gekreuzigte.

Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.

Und so erhebt sich Jesus über die Sünde. Am Boden bleibt das Gesetz und die Anklage festgehalten, aber Jesus richtet sich auf. Er kann sich über die Anklage erheben, weil er sie auf sich nimmt. Wann immer Jesus Sünden vergibt, dann nicht deshalb, weil er sie als belanglos erklärt, sondern weil er sie in seine Verantwortung nimmt.

Und so wird mitten in dieser wortkargen Szene das Geheimnis deutlich, wie Gott mit der Schuld der Menschen umgeht.

Die Sünde steht fest, aber im Machtbereich Jesu verliert sie ihre anklagende Macht.

Das ist der große Unterschied zum Machtbereich der Welt. Hier bleibt die Anklage. Hier würde das harte Urteil der Pharisäer durchgezogen. Hier bleiben die Urteile, die Menschen über uns gefällt haben und uns keine zweite Chance geben. Hier bleiben die Ansprüche, die andere an uns haben, und die wir nie erfüllen können.

Hier bleibt die Unzufriedenheit mit uns selbst, weil wir immer wieder hinter dem zurückbleiben, was wir eigentlich schaffen wollen. Wir hetzen uns nur ab, die Ansprüche der Menschen zu erfüllen und das treibt uns vor lauter unerfüllter Sehnsucht immer weiter in die Sünde.

 

Das ist der Einflussbereich der Welt.

Und wir werden nur frei davon, wenn wir in den Einflussbereich Jesu treten.

Das Urteil der Welt und der Menschen, die uns runterdrücken, wird zweitrangig. Es tritt zurück. So wie die Ankläger bei der Frau zurückgetreten sind. Einer nach dem anderen. Die ältesten zuerst.

So als ob in der Begegnung mit Jesus die ältesten und die tiefsten Wunden, die unser Leben hat, als erste geheilt werden.

 

Die meisten Menschen, die diese Geschichte von Jesus und der Ehrbrecherin hören, sind erleichtert in dem Augenblick, in dem die Pharisäer weggehen und die Todesstrafe abgewendet ist.

Jetzt kann man aufatmen, denn das Leben der armen Frau ist gerettet.

Aber das ist nicht der Höhepunkt dieser Begegnung und auch nicht das Ende.

Wenn nun die Frau allein mit Jesus zurückbleibt, da wird es erst richtig spannend.

Augustinus sagt über den Augenblick, als die Pharisäer weggegangen sind:

Jetzt bleiben nur zwei übrig: misera et misericordia:

die Erbärmliche und das Erbarmen selbst, die Erbärmliche und das Erbarmen selbst.

Und damit hat er die Stelle verstanden.

Mit Jesus allein – nur du und er – da geht es zu Sache. Mit Jesus allein, das ist die entscheidende Situation.

So wird ja auch jener Augenblick sein, wenn wir am absoluten Ende Jesus einmal gegenüberstehen. Nur du und er.

Dann sind sie alle nicht mehr da, diejenigen, die uns beschimpfen und an uns herumnörgeln, aber auch nicht die, die uns immer gut zureden, die unsere Fehler decken und unser Versagen ausgleichen.

Nein, nur Jesus und du.

Wohl dem, der dieses Verhältnis schon in seinem irdischen Leben geklärt hat. Nur Jesus und du.

So Nikodemus in der Nacht und die Frau am Jakobsbrunnen.

Wie der Schächer am Kreuz und Saulus vor Damaskus. Nur Jesus und du.

 

In dieser Begegnung wird alles klar. Wer wir sind, was wir sind und wer wir sein können.

Schwache und fehlerhafte Menschen, die doch frei sein können von den mörderischen Einflüssen der Welt.

Scheiternde und versagende Menschen, die doch die Kraft bekommen, wieder hinzugehen und hinfort nicht mehr zu sündigen.

 

Wir hätten heute viel reden können über Sünde und Ehebruch. Wir hätten viel reden können über die Heuchelei und den Hochmut der Pharisäer.

Aber es geht um die Begegnung mit Jesus.

Es geht um das Eintreten in seinen Einflussbereich.

Es geht darum, in seine Gegenwart zu kommen.

 

Das gilt zunächst für uns selber.

Das gilt aber auch für all die Menschen, die wir als Sünder wahrnehmen.

Wir sollen nicht den Stein erheben, sondern wir sollten sie in die Gegenwart Jesu bringen, ob wir das nun in einem Gespräch mit ihnen tun oder nur im Gebet.

Jene Pharisäer damals hatten nur böse Absichten und haben doch das Leben der Frau gerettet, als sie sie zu Jesus zerrten.

Wenn man selbst mit schlechten Absichten in der Begegnung mit Jesus so viel gewinnen kann,

sollten wir dann nicht mit unseren guten Absichten von seiner Gegenwart alles erwarten?

Ich bin mir sicher: Kein Mensch, der in die Gegenwart Jesu tritt, wird nicht unheimlich beschenkt wieder aus ihr heraustreten.

Amen.

4. Sonntag nach Trinitatis – Pfr. Dr. Jonas