Mt. 16,13-20

Liebe Gemeinde,

heute ist ein Fest der Kirche. Oder sogar: das Fest der Kirche. Nicht ein Kirchenfest wie Weihnachten und Ostern, ein Fest, an dem die Kirche dieses oder jenes Heilsereignis feiert. Sondern: Heute wird die Kirche selbst zum Inhalt des Festes. Sie wird gefeiert, lässt sich feiern, sie ist sich selbst Feiergrund.

Das ist nicht so ganz unbedenklich. Ich habe auch schon Geburtstagsfeste erlebt, wo ich fand: Bei aller Sympathie für das Geburtstagskind, aber es ist ein wenig viel der Selbstfeier, vor allem wenn es nicht ein sechster Geburtstag ist, sondern ein sechzigster. Wenn es vielleicht mehr zurück- als vorauszublicken gibt. Da kommen Viel- und Schönredner, und am Schluss glaubt der Gefeierte selbst, dass er wichtig, schön und tugendhaft sei.

Und was sollen wir als Kirche da erst sagen? Unser sechzigster Geburtstag liegt ja schon ein Weilchen zurück. Wir gehen stramm auf den nächsten runden Geburtstag zu: 2000! Das ist schon eine stolze Zahl, es gibt allerhand Anlass zum Rückblick, es ist ja ziemlich viel passiert in all der Zeit, und für eine knapp 2000-jährige sind wir schon noch ganz gut beieinander. Da kann man schon einmal innehalten, sich auf die Schulter klopfen und sich ein joviales „weiter so“ zurufen.

Es ist nicht unbedenklich, liebe Gemeinde, und für ein schulterklopfendes „weiter so“ ist diese Kanzel eigentlich zu schade. Es ist ein Ort der Verkündigung und nicht ein Ort der Selbst­bespiegelung. Church talking on Church issues. I am not going to say that this is the heresy of the 21st century, but it is certainly a somewhat dangerous inclination in our time. We have a few English speakers here, and therefore, I will use a few words in English here and there. Church talking on Church issues. This is a specific danger in ecumenical contexts, in academic contexts, and in contexts of Church leadership. I am not going to elaborate on this. As I said, this is a pulpit, a place where the gospel is preached.

Ein Ort für die Predigt des Evangeliums. Hm. Aber kommt die Kirche da überhaupt vor? Ist im Evangelium überhaupt irgendwo von Kirche die Rede? Ja, es ist. Es ist eigentlich nur ein Text, wo das der Fall ist, und es ist unser heutiger Predigttext. Das ist kein Zufall, wir haben ihn gerade schon als Evangelienlesung gehört. Ich lese nur noch einmal die beiden zentralen Verse, auf die ich mich dann beziehe:

[Simon Peter said, ‘You are the Messiah, the Son of the living God.’ And Jesus answered him, … ‘You are Peter, and on this rock I will build my church, and the gates of Hades will not prevail against it.]

Simon Petrus sprach: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: … Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. (V. 16.18)

Aufmerksamen Hörern fällt vielleicht auf, dass ich die Kirche hier jetzt überhaupt erst ein­getragen habe. Vorhin in der Lesung war sie noch nicht drin. Denn da hieß es: Auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen. So hat Luther übersetzt, und so ist es auch richtig. Aber wir sollten nicht zu viel Zeit mit dieser Frage verlieren, denn „Kirche“ ist genauso richtig. Gemein­de und Kirche – das sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Für uns ist wichtig fest­zuhalten, dass ἐκκλησία, ecclesia, beides heißt und beides braucht: Die Versammlung von Menschen einerseits, die Institution, das Bauwerk andererseits. Ja, ich finde es sogar ziemlich erstaunlich, wie eindeutig und zuversichtlich Jesus hier Ausdrücke aus dem Bauwesen gebraucht. Etwas errichten, erbauen, ein Fels als Fundament. Dabei wurden diese Worte geschrie­ben und sicherlich auch gesagt zu einer Zeit, als jede Art von monumentalem Kirchbau noch in weiter Ferne war. Hat sich hier Jesus wirklich schon ein gebautes Haus aus Stein vorgestellt? Wo­mög­lich gar wie unseres hier mit goldenen Mosaiken? Wir wissen es nicht. Vielleicht eher nicht. Vielleicht hat er sich nur vom Wortspiel inspirieren lassen, denn Petrus heißt nun einmal der Fels, da legt sich die Rede vom Bauen nahe. Auf deutsch funktioniert dieses Wortspiel nicht, aber auch im Griechischen knirscht es ein wenig im Gebälk, weil Petrus maskulin ist, aber der Felsen, der hier gebraucht wird, feminin. Richtig gut funktioniert es nur auf aramäisch. Diese Beobachtung hat man übrigens als Argument genommen um zu sagen: Wir stehen hier wirklich vor einer Art Urgestein christlicher Überlieferung. Der Archäologe würde sagen: eine ganz alte Schicht.

Sie sehen, dass sich die Gelehrten schon viele Gedanken gemacht haben zu diesem Vers. Es ist geradezu ein vermintes Terrain der Auslegungsgeschichte. Das ist es natürlich hauptsächlich durch ein anderes Problem, das ich hier kurz ansprechen will, aber im Grunde etwas nonchalant dann auch gleich zur Seite räumen möchte. Wir lesen ja diesen Vers auch in riesigen Lettern in dem monumentalen Schriftband auf der Innenseite der Peterskuppel. Mit anderen Worten: es ist der zentrale Bibelvers zur theologischen Begründung des Papsttums. Seit Luthers Zeit haben sich Generationen von katholischen und evangelischen Bibelspezialisten an der Frage abgear­beitet, ob oder ob nicht hier so etwas wie Papsttum begründet wird. Ich möchte mit dieser Frage nicht zu viel Zeit verlieren, denn ich glaube, dass da ein wenig die Luft raus ist. Die Dis­kussionen haben ja auch deshalb so lange gedauert und so wenig erbracht, weil im Grunde weder das eine noch das andere wahr ist: Hier wird nicht eine bestimmte Form des späteren Papsttums begründet, aber auch nicht eine bestimmte Form des Papsttums verdammt und ausgeschlossen.

Ich komme auf den Gedanken zurück, der uns hierher geführt hat. Die Kirche und das Evange­lium. Wenn wir etwas aus dem Predigttext lernen können, dann ist es ganz einfach dies: Das geht zusammen und gehört zusammen. Das ist ja nicht so selbstverständlich, und gerade unter Protestanten ist es das nicht. Jesus hat das Reich Gottes gepredigt, und was kam, war die Kirche. So lautet ein bekannter Satz, der aber übrigens nicht von einem Protestanten stammt, sondern von dem katholischen Professor und Priester Alfred Loisy. Wenn auch katholisch im Konflikt mit seiner eigenen Kirche. Vielleicht würden manche sagen: infiziert mit einem protestan­tischen Virus.

Jesus hat das Reich Gottes gepredigt, und was kam, war die Kirche. Der Satz ist auch deshalb so bekannt geworden, weil er so offensichtlich etwas Wahres trifft. Wer von uns hätte sich nicht schon wegen der Kirche geschämt? Wer hätte nicht schon an der eigenen Kirche gelitten? Wer hätte nicht schon peinlich gefunden, wie viel Kleingeisterei und Selbstbespiegelung da ständig getrieben wird?

Und doch ist der Satz, so verstanden, falsch. Und Loisy hat ihn auch gar nicht so gemeint, nicht gemeint als radikale Ablehnung von Kirche, als das nicht Gewollte, als das schiere Gegenteil des Reiches Gottes. Jesus hat das Reich Gottes gepredigt, und das haben wir noch nicht in Vollform und in Reinform hier unter uns, auch nach bald 2000 Jahren noch nicht. Aber immerhin: wir haben die Kirche, und es ist gut, dass sie da ist. Es ist besser als nichts. Erheblich besser als nichts.

Heute ist das Fest der Kirche, und es ist gut, dass sie da ist. Nein, wir werden nicht aufrechnen, was über die vielen Jahrhunderte hinweg alle ihre Vor- und ihre Nachteile sind. Nein, wir müssen sie nicht verteidigen, sie schön reden und Selbstlob treiben. Aber schlecht reden müssen wir sie auch nicht, die alte Dame mit ihren bald 2000 Jahren. Sie hat sich aufs Ganze gesehen doch ganz gut gehalten, und so viel besser oder schlechter als andere große Einrichtungen ist sie auch nicht. Und ich bin sicher: es gibt mehr vor- als zurückzublicken an diesem Fest. The best is yet to come. And there is one important difference between the Church and all the other institutions, and that is the fundament, its foundation. The Church is built upon a rock. Its building may be frail and deficient, but the fundament is sound and stable. The Church is not founded on the consensus of men nor on the search of the common good nor on the pursuit of happiness.

Unter den großen gesellschaftlichen Einrichtungen ist die Kirche die einzige, die niemals eine Mitgliederversammlung einberufen kann, um zu beschließen: Wir sind nicht mehr nötig, wir lösen uns auf. Gewerkschaften oder Parteien können das und haben es auch immer wieder getan. Die Kirche kann das nicht, weil sie sich nicht selbst gegründet hat. Sie hat einen Auftrag, den sie sich nicht selbst gegeben hat, und sie hat ein Fundament, das sie nicht selbst gelegt hat.

Ein Fest der Kirche können und wollen wir dann feiern, wenn klar ist: Wir feiern uns nicht selbst. Wir feiern auch nicht eine Gemeinde oder Institution. Und wir feiern erst recht nicht die großartigen Errungenschaften einer langen Geschichte mit viel Licht und viel Schatten.

Simon Petrus sprach: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Das sprechen wir auch, und auf diesen Felsen bauen wir unsere Kirche, auch für die nächsten 2000 Jahre.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.